Christine Ostrowski 

1. Wie schätzen Sie die derzeitige Situation von Homosexuellen in Deutschland ein?
Die Situation hat sich dank der eigenen Bewegung in den letzten Jahrzehnten positiv verändert. Immer mehr Lesben und Schwule leben in Beruf und Familie offen ihre Beziehungen. Gemessen daran halten Kohl und Biedenkopf an einem mittelalterlichen Bild von Familie und Zusammenleben fest, so daß eine gleichwertige rechtliche Behandlung homosexueller Lebensweisen verhindert wird. Diese sind nach wie vor Ehen nicht gleichgestellt, was z.B. dementsprechenden Folgen für das Adoptions- oder Erbrecht hat. Ja, sogar vor Gericht haben die Partner/innen von Schwulen und Lesben noch nicht einmal ein Zeugnisverweigerungsrecht, mit dem gemeinsamen Wohnberechtigungsschein gibt es auch noch den alten Ärger und das Asylrecht ist, wenn es um diese Fragen geht, auf beiden Augen blind.

2. Wie setzt sich Ihre Partei vor der Wahl mit dem Thema Homosexualität auseinander, sind Lesben und Schwule für Sie eine interessante Wählergruppe?
Wir entdecken Lesben und Schwule nicht erst in Wahlzeiten, damit sie uns das begehrte Kreuz geben, sondern verstehen uns als Partner/innen an der selben Front. In Sachsen sind wir die einzigen, die sich im Landtag für ein sächsisches Referat für gleichgeschlechtliche Lebensweisen eingesetzt und die Lebenssituation von Lesben und Schwulen thematisiert haben und in Sachsen-Anhalt z.B. haben wir ein Gesetz zur Gleichstellung Schwuler und Lesben durchgebracht. Seit Jahren zanken wir uns mit der Biedenkopf-Regierung herum, weil es erwiesener Blödsinn ist, wenn Heterosexualität einseitig als einzig "normale" Lebensweise" propagiert wird. Zur Anhörung des nächsten sächsischen Familienberichts wollen wir deshalb eine Lesben- und Schwuleninitiative als Sachverständige einladen. Mal sehen, was da die CDU sagt.

3. Was wird sich im Falle Ihrer Regierungsbeteiligung nach der Bundestagswahl für Homosexualle verändern? / Was wollen Sie in der Opposition in diesem Bereich bewegen?
Der Schröder will ja nicht mit uns. Würde er wollen, dann wäre eine Koalitionsbedingung gesetzliche Rahmenbedingungen für die Gleichstellung aller Lebensweisen - und das kostet nicht mal was. Auf den Oppositionsbänken werden wir allerdings auch nicht bescheidener sein, mit oder ohne Schröder Interessenlagen von Lesben und Schwulen thematisieren und darauf drängen, daß die Knackpunkte der Entschließung des Europäischen Parlaments zur "Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben in der EG" vom 8. Februar 1994 in der BRD endlich umgesetzt werden. Wichtig ist auch, die Interessenvertretungen von Lesben und Schwulen zu stärken. Abgesehen davon, ist Anerkennung von unterschiedlichem Leben auch immer eine kulturelle Frage und hier ist z.B. eine ganze Menge in Bildung und Erziehung zu tun.

4. Ein Schwuler / eine Lesbe als Kanzler - pro oder contra?
Aber klar, und wo bleibt Euer Personalvorschlag?

Barbara Lässig

Was sich in den letzten 30 Jahren dank des Engagements vieler Schwuler und Lesben zum positiven hin geändert hat, ist sicher enorm. Aber noch mehr als bei Frauen, wo man trotz beachtlicher Fortschritte hin zu einer gleichberechtigten Teilhabe am gesellschaftlichen Leben noch lange nicht von wirklicher Emanzipation als Normalfall reden kann, ist in weiten Teilen der Gesellschaft (mehr oder weniger heftige) Homophobie verbreitet. Die beruht sicher auf einer Wechselwirkung von gesetzlicher Diskriminierung, kulturell-geistiger Enge und psychologischer Barrieren. Deshalb wäre es kurzsichtig anzunehmen, man könnte allein durch Gesetzesänderungen die Diskriminierung von Schwulen und Lesben aufheben. Wenn aber für den Nachbar erlebbar wird, daß ein schwules Paar einem Kind genauso liebevoll Eltern sein kann wie das Heteropaar eine Etage tiefer, ändert sich vielleicht auch etwas in den Köpfen. Deshalb streiten wir von der PDS für die Beseitigung aller Diskriminierungen von Lesben und Schwulen, weil wir nicht denken, daß Homosexualität ein Defekt ist, der eigentlich behoben gehört oder vor dem andere geschützt werden müssen (mal abgesehen von den Regeln, die auch für alle anderen gelten). Mütterchen Natur wird sich schon etwas dabei gedacht haben, einen Teil der Menschheit Angehörige seines eigenen Geschlechts lieben zu lassen, genauso wie sie sich etwas dabei gedacht hat, Menschen blond, schlank, schlitzäugig oder dunkelhäutig werden zu lassen.

Ein Bekannter von mir hat mal gesagt: "Schwulsein mag ja ein nächtefüllendes Thema sein, ein abendfüllendes ist es sicher nicht." Eigentlich wäre es schön, wenn's wirklich mal so wäre.

Der Fragebogen - PDS