Antje Hermenau

1. Wie schätzen Sie die derzeitige Situation von Homosexuellen in Deutschland ein?
Schwule und Lesben haben viel an Emanzipation erreicht. Das gesellschaftliche Klima hat sich deutlich verbessert. Die vielfältigen Aktivitäten von Schwulen- und Lesbenorganisationen leisten einen wichtigen Beitrag zum sozio-kulturellen und demokratischen Leben in Deutschland.

Dennoch gibt es in Teilen der Gesellschaft immer noch große Vorurteile, kommt es zu Diskriminierungen und Anfeindungen. Uns sind Untersuchungen bekannt, wonach 80 % der Lesben und Schwulen berichten, daß sie am Arbeitsplatz wegen ihrer Homosexualität Diskriminierung erfahren haben. Jeder vierte Homosexuelle war schon mindestens einmal wegen seiner Homosexualität gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt. Solche Zahlen zeigen: Es liegt noch vieles im argen.

Auch von gleichen Bürgerrechten sind Schwule und Lesben noch weit entfernt. Besonders augenfällig ist das bei der Rechtlosigkeit homosexueller Paare. Homosexuelle Partner haben nicht einmal den Rechtsstatus von "Angehörigen", sondern gelten vor dem Gesetz als Fremde, gleichgültig wie lange sie zusammengelebt haben. Gleichgeschlechtliche Paare sind damit in vielen Rechtsbereichen massiv benachteiligt.

Andere Länder in Europa haben homosexuelle Lebensgemeinschaften bereits rechtlich anerkannt und Antidiskriminierungsgesetze eingeführt. Die Bundesrepublik gehört in der Schwulen- und Lesbenpolitik leider zu den Fußkranken in Europa. Nach sechzehn Jahren Kohl herrscht immenser Nachholbedarf.

2. Wie setzt sich Ihre Partei vor der Wahl mit dem Thema Homosexualität auseinander, sind Lesben und Schwule für Sie eine interessante Wählergruppe?
Bündnis 90/Die Grünen setzen sich nicht nur vor der Wahl mit dem Thema Homosexualität auseinander. Als Bürgerrechtspartei wollen wir für die volle Teilhabe gesellschaftlicher Minderheiten am politischen Leben sorgen. Der Einsatz für Schwule und Lesben ist seit der Gründung unserer Partei selbstverständlicher Bestandteil unserer Gesellschaftspolitik. Viele schwulen- und lesbenpolitisch Aktive engagieren sich bei Bündnis 90/Die Grünen. In zahlreichen Gesetzentwürfen, Anträgen und Anfragen hat unsere Bundestagsfraktion die Themen der Schwulen- und Lesbenpolitik in den Bundestag getragen.

3. Was wird sich im Falle Ihrer Regierungsbeteiligung nach der Bundestagswahl für Homosexualle verändern? / Was wollen Sie in der Opposition in diesem Bereich bewegen?
Wir wollen die volle Gleichberechtigung: Schwule und lesbische Paare, die das möchten, sollen die gleichen Rechte und Pflichten wie Eheleute erhalten. Es darf für Schwule und Lesben keine Sperrbezirke geben, auch nicht am Standesamt. Wir planen ein Antidiskriminierungsgesetz, das Schwulen und Lesben Mittel in die Hand gibt, sich wirksam gegen Benachteiligungen, z.B. in der Arbeitswelt, zur Wehr zu setzen. Zudem wollen wir schwul-lesbische Emanzipationsarbeit politisch unterstützen und für ein verstärktes Engagement bei der Prävention antihomosexueller Gewalt sorgen.

Und nicht zu vergessen: Wir wollen die verantwortungslosen Mittelkürzungen bei der AIDS-Prävention stoppen. Ebenso wollen wir für eine bessere soziale Absicherung von Menschen nur AIDS (und anderen chronischen Erkrankungen) sorgen.

So sieht unser schwulen- und lesbenpolitische Fahrplan für Rot-Grün aus. Im Falle einer großen Koalition oder gar Bestätigung der jetzigen Mehrheit wird sich für Schwule und Lesben weiterhin nichts bewegen. Dann werden Bündnis 90/ Die Grünen die gleichen Forderungen aus der Opposition heraus in bewährter Hartnäckigkeit wieder in den Bundestag tragen - damit das Thema präsent bleibt und sich die anderen Parteien immer wieder damit auseinandersetzen müssen.

4. Ein Schwuler / eine Lesbe als Kanzler - pro oder contra?
Tony Blair hat bereits einen offen schwulen Mann als Minister in sein Kabinett berufen. In Deutschland tut man sich da anscheinend schwerer. In den Bonner Altparteien müssen schwule Politiker und lesbische Politikerinnen ihre Lebensweise immer noch verleugnen. Das ist ein unwürdiger Zustand.

Ein schwuler Kanzler, eine lesbische Kanzlerin: Warum nicht? Was sollte da grundsätzlich dagegen sprechen? Das aktuelle Sortiment an Kanzlerkandidaten hat in dieser Hinsicht aber meines Wissens nichts zu bieten.

Der Fragebogen - Bündnis 90/Die Grünen