Eine authentische Stricher-Biographie

"Der Junge von der Potsdamer Straße" ist eines der ersten Bücher aus der Edition Tasler. Der Klappentext und das Vorwort versprechen eine ebenso spannende wie interessante Geschichte: Berlin in den Siebzigern, AIDS ist noch kein Thema - die Welt scheint in Ordnung. Nico, ein hübscher Berliner Junge, wird bereits im zarten Alter von 15 Jahren von seinem Stiefvater zum professionellen Stricher ausgebildet. Er ist verrückt genug, dieses unmoralische Angebot anzunehmen und verliert dabei freiwillig alle seine Hemmungen. Vom Stricher avanciert er zum gefragten Callboy. Die Männer sind gierig nach ihm, denn er ist jung, schön und hervorragend bestückt. Sein Arbeitsplatz wechselt vom Loft eines Bordells in der Potsdamer Straße in die Nobelvillen und Luxushotels Berlins. Aber nicht nur dort ist er begehrt, sondern auch in den Gästezimmern der Russischen Botschaft in Ostberlin und den Geheimbordellen der Stasi. Er verliebt sich in Sascha, dem Top-Lustknaben der DDR, und wird deshalb sowohl zum Spion für die Staatssicherheit und den KGB als auch für den BND. Am Ende steht sein spektakulärer Ausstieg aus dieser Szene und ein Neubeginn...

Soweit so gut. Die authentische Geschichte eines heute erfolgreichen Berliner Rechtsanwalts verpackt der Autor Wolf Tasler in einen pornographischen Roman. Das sehr anregende Covermodel Frank Mierke mit lasziv-zweideutigem Blick komplettiert diese Verpackung sehr gut. Aber leider hält der Inhalt nicht ganz, was das Vorwort verspricht! Sicher, Taslers Schreibstil ist klar, geradlinig und manchmal sogar elegant und das Buch wird gewiß seinen Zweck erfüllen, aber Tasler schöpft das Potential der Geschichte keineswegs aus. Leicht und wortgewandt beschreibt er die ausgefallensten Sexspiele, ohne den Leser durch Wiederholungen zu langweilen. Aber als es eigentlich so richtig spannend zu werden verspricht, nämlich bei der Beschreibung, wie Nico zum Doppelagenten für KGB, Stasi und BND wird, ist plötzlich Schluß. Dieser Teil wird mit spärlichen Worten abgehandelt, Spannung kann sich nicht aufbauen. Auch der "spektakuläre Ausstieg" verkommt zur bloßen Erwähnung, es fehlen die interessanten Details und die Hintergründe, die den Leser fesseln könnten.

Nun gut, vielleicht sollte man von einem Buch aus der Gattung der Ein-Hand-Literatur nicht zuviel erwarten, aber trotzdem ist es bedauerlich, daß dieser Stoff derart leichtfertig verschenkt wurde. Aber Wolf Tasler arbeitet wohl schon an einer etwas entschärften Version, bei der die eigentliche Geschichte hoffentlich nicht zu kurz kommt.

Von diesem Buch hat uns der Verlag übrigens 10 Exemplare zum Verlosen zur Verfügung gestellt. Zum Gewinnen braucht Ihr nur eine Postkarte mit dem Kennwort "Lust" an die Redaktion zu senden. Einsendeschluß ist der 22. September.

Myrko

Wolf Tasler,
Der Junge von der Potsdamer Straße,
Edition Tasler,
Berlin,
178 Seiten,
ISBN 3-89384-018-4

Berufung: Lust