Zwischen Schlager und Sternchen Worlds Apart

Neulich war ich doch Gast einer alten Freundin von mir, die ich noch aus unserer gemeinsamen Zeit kenne, als wir mit Rex Hossa, Andrea Würgens und den anderen Kleinodien deutscher Sangesbrunft in Dieter-Thomas Schrecks Klatschparade im ZDF um den ersten Platz gerungen haben: Mary Roos schickte mir nämlich eine von ihr mundgemalte Einladungskarte für die Studios der Berliner Union Film, um dort mit ihr auf ihren 70sten anzustoßen! Ja, 70 Mal war sie schon zu Gast in Deutschlands Schmierenshow Nummer 1! Nun, dachte ich mir, man hat heutzutage ja sonst so wenig zu lachen, warum also nicht? Immerhin hatte sich das Null-Plus-Ultra des deutschen Schaugeschäftes für die Sendung angesagt: Kristina Bach, Uta Bresan, Leonard, Tanja Berg, Gaby Baginski und weitere Sternschnuppen des Starhimmels.

Schon als ich die Kantine betrat, wurde ich überraschenderweise sofort erkannt und von Autogrammjägern umzingelt. Ich legte also meinen Porscheschlüssel aus der Hand, nahm den silbernen Schlapphut und die Cartier-Sonnenbrille ab, zog meine weiß-rote Pelzjacke aus und schrieb mir auf Servietten, Kaugummipapier, Blankoschecks und Fotos von Matthias Reim die Finger wund. Die Freude der Masse war riesig: "Danke, Herr Brink!" rief die eine, "Viel Glück, Herr Marshall!" die andere, wobei sie mir noch mitteilte, daß ihr Lieblingslied von mir "Jenseits von Eden" sei... Kaum wieder draußen, mußte ich mir mit meiner mitgebrachten Vakuumpumpe (Mary Roos hatte sich das gute Stück von mir zum Auftrittsjubiläum gewünscht, da sie schon länger nach einem neuen Tischstaubsauger Ausschau hielt) ziemlich grob eine Bresche durch ganze Heerscharen kreischender Mädchen schlagen, wobei ich mich fragte, wer wohl so indiskret war und denen meine Kommen im voraus verraten hatte.

Endlich und zerfetzt in der Garderobe von Rosi (Mary und ich nennen uns beim Mädchennamen) angekommen, fragte ich sie, ob sie mir ein paar ihrer alten Autogrammkarten leihen könne, um damit meine völlig abgedrehten "Fanprire" draußen befriedigen zu können. Rosi machte mich in der ihr eigenen Bescheidenheit darauf aufmerksam, daß dieses mengen- und lautstarke Engagement draußen vor den Studiotüren nicht mir oder gar ihr gelten würde, sondern der Boygroup "Worlds Apart". Da mir dieser Name wenig, meine Blase jedoch viel sagte, wollte ich mich erstmal aufs Klo verziehen, was jedoch nicht möglich war, da dort bereits Frank Schöbel, die gesamte Münchener Freiheit und Jürgen mit Marcus anstanden - so, als ob es für jedes kleine Geschäft dort drinnen eine goldene CD umsonst geben würde! Also reihte ich mich ein und fragte meinen Vordermann, Hanne Haller, wann der Bus den bitte kommen würde...? Doch plötzlich wurde die Tür von innen geöffnet: Heraus trat ein traumhaft gutaussehendes, braungebranntes Wesen in einer durchsichtigen Plastikjacke, das direkt auf mich zukam, die noch feuchte Hand vom Reißverschluß der Hose nahm und sie mir mit den Worten: "Hi, I am Steve. Nice to meet you, Blondie!" entgegenstreckte. - Und mehr bekam ich leider nicht mehr mit, denn ich war im wahrsten Sinne des Wortes schon längst "Worlds Apart"! Als ich in Rosis Garderobe wieder zu mir kam, berichtete sie mir, daß mehrere Sicherheitskräfte ziemlich viel Mühe hatten, Steve aus meinem starren Umklammerungsgriff zu befreien und bereits als letzte Möglichkeit eine Kreissäge in Erwägung gezogen hatten. Während Rosis Erzählung schien sich auf einmal die Tür hinter ihr wie von Geisterhand zu öffnen und unter der Klinke erschien Hitparaden-Moderator Uwe Hübner mit einer großen Geburtstagstorte ... für Steve! Ich streichelte, zungenknutschte, beschimpfte, kratzte und biß Uwe - ohne Erfolg! Er wollte die Torte selber zu seinem Plastikprinzen bringen, um dann in dessen Garderobe an einem der Sahneschnittchen zu naschen. Nun gut, selbst ist der Mann: Ich nahm eine meiner CDs (von denen ich zufälligerweise zwei Kartons bei mir trug), steckte meinem Coverfoto eine Kerze aufs Gesicht und schwebte stolz mit meinem Präsent und einem geschmetterten "Happy Birthday, dear Steee-viiieee!" bis ... ja, bis zu den Sicherheitskräften, die mich brutal packten und in die blutrünstige Masse der grundlos-hysterischen World-Apart.Girlies vor der Studiotür warfen. Also mußte ich zu anderen Mitteln greifen: Listig schmuggelte ich drei Schreikrämpfe auf zwei Beinen hinauf zum Garderobenflur der Boygroup, versteckte mich hinter Andy Borg und nach einem kurzen, aber offensichtlich für alle Teile schmerzhaften Handgemenge war der Weg frei. Ich klaubte schnell die vom Kampf übrig gebliebenen Busenpolster und Zahnspangen auf und spazierte direkt durch die Tür meines Herzbubens und der restlichen drei Königinnen. Ich drückte Steve und ihm gleichzeitig mich in die Hand, schubste den nervig-schlabbernden Uwe von seinem Schoß und fütterte Steve und mich mit der Gabel seines Schweizer Taschenmessers. Es war die Schmatzerei meines Lebens, vor allem, als mir Steve dann hinter dem Duschvorhang auch noch sein Klappmesser zeigte! Zum Nachtisch erheiterte mich Steve mit einem kleinen Kunststück: Er zog den Rest seines T-Shirts aus, packte es auf einen Mikrofonständer und hielt ihn ans Fenster: Sofort mußte unten vor den Studiotüren der Erste-Hilfe-Dienst überstunden schieben. Ich hingeben trat persönlich ans Fenster...-immerhin fielen eine kurzsichtige Mutter, eine Hochschwangere und ein Hinweisschild um. Als Uwe, der sich inzwischen unüberhörbar bis weit unter die Plastikjacken der restlichen Gruppenmitglieder runtergearbeitet hatte, bereits das vierte Mal erfolglos vom Aufnahmeleiter über die Lautsprecher ins Studio gerufen wurde, sprang für ihn zunächst für zehn Minuten der Kantinenkoch als Moderator ein, bevor Andy Borg den emsig festgesaugten Uwe bei uns fand und ihn mit heruntergelassenen Hosen und angeschwollenen Lippen direkt vor die laufenden Kameras zerrte.

Bei der anschließenden Feier an der Bar des Hotels Esplanade fragte mich Rosi, wie mir denn eigentlich ihr 70ster gefallen habe und was ich da schon den ganzen Abend über für ein komisches Taschenmesser krampfhaft in den Händen halten würde... In diesem Augenblick rettete mich Uwe Hübner unter seinem Barhocker stehend, indem er mir diskret und verschmitzt-zublinzelnd ein Stück durchsichtigen Plastiks mit angetrockneter Sahne auf die Theke schob... Also, die Hübner, das ist mir vielleicht eine! Und das beste ist: Nächsten Monat hat die kleine Schlampe sich "Boyzone" zur Sendung eingeladen.

Donato Plögert's Show-Sta(r)ccato