Im Osten was Neues

Angesichts des nachlassenden Interesses schwuler Männer in Ost und West am Schutz vor einer HIV-Infektion stehen hiesige Präventionsarbeiter/innen vor der Frage, welche Gründe es dafür gibt. Gerade im Osten Deutschlands stellt sich diese Frage mit besonderer Brisanz, denn die bisher sehr günstige epidemiologische Situation könnte sich in den nächsten Jahren verschlechtern. Deshalb müssen die regionalen AIDS-Hilfen neue Präventionsmodelle und -methoden finden, mit denen ganz speziell ostdeutsche Interessen angesprochen werden. Dank der derzeit relativ niedrigen Fallzahlen (im Vergleich zu den Alten Bundesländern) bietet sich die Chance, in den Neuen Bundesländern wirkungsvolle präventive Arbeit leisten zu können.

In der unlängst erschienenen Studie "Vereinigung ist nicht Vereinheitlichung" (AIDS-Prävention für schwule Männer in den neuen Ländern) von Rainer Herrn (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, AG Public Health) finden sich interessante Antworten und Vorschläge auf diese Problembereiche: So legen beispielsweise Männer im Osten mehr wert auf ein persönliches Gespräch, lassen sich weniger auf mittelschichtsorientierte Broschüren der Deutschen AIDS-Hilfe oder der BZgA ein und bevorzugen eher gemischte Kneipen, in denen das Auslegen von entsprechendem Präventionsmaterial kaum möglich ist.

Weiterhin orientieren sie sich in ihrem Verhalten daran, ob der Partner bekannt ist oder nicht bzw. ob er aus dem Westen oder Osten kommt. Pauschalisiert heißt das: "Wessis" werden häufig als HIV-positiv eingeschätzt, "Ossis" dagegen als HIV-negativ. Daß diese falsche Einstellung fatale Konsequenzen haben kann, muß schwulen Männern im Osten vermittelt werden.

Rainer Herrn schlägt deshalb die Wiedereinrichtung von Streetworker-Stellen, die Kooperation mit schwulen Vereinen und Gesundheitsämtern, die Ausbildung von ehrenamtlichen Präventionsarbeitern sowie die Produktion von ost-spezifischem Infomaterial vor. Inwiefern die ostdeutschen AIDS-Hilfen bei immer knapperen Kassen der Zuwendungsgeber dieser Aufgabe gerecht werden können, bleibt leider abzuwarten.

Matthias Schwager – AIDS-Hilfe Dresden e.V.

P.S.: Die Studie von Rainer Herrn ist in der AIDS-Hilfe Dresden e.V., Bischofsweg 46 (Tel.: 0351/4416142) erhältlich.

Chance zur Prävention