In unserer Reihe "Szene-Interviews" haben wir die Dresdner AIDS-Hilfe in Ihren alten Räumlichkeiten in der Florian-Geyer-Straße 13 besucht.

Von den Umzugsplänen der AIDS-Hilfe konntet ihr in dem Bericht auf interner Link Seite 10 erfahren, was es sonst noch für Veränderungen gab, lest Ihr im Interview mit Matthias Schwager.

Matthias Schwager Welche neue Projekte gibt es?

Wir freuen uns sehr darüber, daß wir unseren Umzug, zumindest mit dem Infoladen, in die Neustadt schon geschafft haben.

Weiterhin ist der Internetauftritt der AIDS-Hilfe Dresden im Netz komplett unter http://dresden.aidshilfe.de zu finden. Nun können die Nutzer auch ganz anonym Informationen zu HIV und AIDS über das Internetangebot sammeln oder auch mit uns direkt per email Kontakt aufnehmen.

Gibt es neue Forschungsergebnisse zur verbesserten Bekämpfung der Immunschwächekrankheit AIDS?

Seit geraumer Zeit beschäftigen wir uns mit der HIV-PEP, der sogenannten Post-Expositions-Prophylaxe. Es handelt sich hierbei um die Möglichkeit, eine HIV-Infektion mit dem HI-Virus zu vermeiden, wenn sofort nach dem Risikokontakt mit einer medikamentösen Therapie begonnen wird.

Ursprünglich kommt die HIV-PEP aus dem medizinischen Bereich. Dort kann es zu Arbeitsunfällen kommen, wenn sich Mitarbeiter der Kliniken bei Blutabnahmen oder Blutuntersuchungen mit einer kontaminierten Injektionsnadel stechen.

Was können die Ärzte oder Schwestern in einem solchen Fall tun?

Die HIV-PEP wird sofort begonnen und über die folgenden vier Wochen durchgeführt. Dabei werden die gleichen Präparate verwendet, die Menschen mit einer HIV-Infektion bekommen. Es ist im Prinzip eine extrem früh begonnene Therapie.

Ist die HIV-PEP Behandlung im beruflichen Bereich überall abgesichert?

Die Krankenhäuser als Arbeitgeber sind verpflichtet, ihre Mitarbeiter über HIV-PEP und den Ablauf der Behandlung zu informieren, wenn ein Kontakt zu HIV-Patienten besteht. Die Kosten werden über die betriebliche Unfallversicherung abgewickelt.

Muß tatsächlich sofort nach dem Risikokontakt die HIV-PEP-Therapie begonnen werden? Gibt es vielleicht doch noch einen gewissen Zeitrahmen, in der diese Entscheidung getroffen werden kann?

In den ersten zwei Stunden nach einer eventuellen Infektion versuchen die Viren im Körper an andere Zellen anzudocken. Während dieser Zeit hat die HIV-PEP die größten Erfolgschancen. Sobald nach einer Zeit von ungefähr zwei Stunden die ersten Viren in das Gewebe eingedrungen sind, um sich zu reproduzieren, sinkt die Aussicht auf eine vollständige Vernichtung der Viren immens.

Wird die HIV-PEP zu spät eingeleitet, kann sie zwar noch die Virusvermehrung blockieren, aber den Virus nicht mehr aus dem Körper herausdrängen. Das wäre dann ähnlich wie bei der Behandlung von Menschen, die seit längerer Zeit mit HIV infiziert sind.

Im beruflichen Umfeld ist also alles für den möglichen Ernstfall vorbereitet. Was ist aber im privaten Bereich? Wie schnell können sich Paare, bei denen ein Partner HIV-positiv und der andere HIV-negativ ist und der seltene Fall des geplatzten Kondoms beim Geschlechtsverkehr eintritt, helfen?

Prinzipiell muß die HIV-PEP durch einen Arzt verordnet werden. Das bedeutet, daß dem Arzt die Gefahrensituation geschildert werden muß. Wenn feststeht, daß ein Partner HIV-positiv ist und die Zeit noch reicht, die HIV-PEP Therapie für den anderen einzuleiten, wird er es tun.

Geht aber jemand zum Arzt und sagt, daß er eine Gefahrensituation hatte, weil er zum Beispiel mit einem unbekannten Mann Sex hatte und dabei über die Schleimhäute mit dessen Sperma in Kontakte geriet, wird der Arzt keine HIV-PEP verordnen können, da aus der Beschreibung nicht hervorgeht, ob es sich bei dem Unbekannten tatsächlich um einen HIV-Positiven Menschen handelt.

Neben der kritischen Startphase der HIV-PEP sind vor allem die Nebenwirkungen dieser Chemotherapie zu betrachten.

Die Medikamente, die bei der HIV-PEP über einen Zeitraum von vier Wochen eingenommen werden müssen, können den Körper extrem schwächen und weitere Nebenwirkungen verursachen. Es muß in dieser Zeit nach einem sehr strengen Therapie-Plan gelebt werden, wobei pro Tag bis zu 18 Tabletten eingenommen werden. Man muß davon ausgehen, daß die betroffene Person in den vier Behandlungswochen arbeitsunfähig ist.

Welche Erfahrungen liegen bisher mit der HIV-PEP vor?

In Paris, Köln und München sind Studien zur HIV-PEP gelaufen. Von den in Paris behandelten Personen hatte nach vier Wochen keine eine HIV-Infektion. Aus anderen Berichten weiß man aber, daß es trotz HIV-PEP vereinzelt zu HIV-Infektionen gekommen ist. Sicher ist auf jeden Fall, daß eine rechtzeitig begonnene HIV-PEP das Infektionsrisiko deutlich absenkt.

Wie häufig wurde HIV-PEP von Privatpersonen nachgefragt?

Weitaus weniger, als anfangs befürchtet. In Paris wurde über HIV-PEP durch Mund-zu-Mund-Propaganda informiert und in Köln über ein speziell entwickeltes Info-Pack, das wir auch in Sachsen einsetzen werden. Die Anfragen pegelten sich zum Beispiel in Paris auf 13 pro Monat ein.

Wer ist Ansprechpartner bei einer Gefahrensituation in Sachsen?

In Dresden ist das die Immunschwäche-Ambulanz der Uniklinik und außerhalb der Öffnungszeiten die Rettungsstelle der Uniklinik. Wir empfehlen allerdings allen Paaren, bei denen einer der Partner HIV-positiv ist, sich bereits vor einer Notsituation bei den regionalen Aids-Hilfen zu informieren. Das spart im Ernstfall Zeit und hilft, nicht in Panik zu verfallen. Die Aids-Hilfen sind in allen größeren Städten unter 19 411 erreichbar.

In größeren Städten mag es vielleicht eine Chance geben, sofort Hilfe zu bekommen, aber wie sieht es bei uns in Sachsen in den ländlichen Regionen aus?

Ja, das ist tatsächlich problematisch, weil der Weg nach Dresden möglicherweise nicht innerhalb von zwei Stunden zurückgelegt werden kann. Hier hilft wirklich nur, vorher alles genau abzuklären und sich zu informieren, damit ich im Ernstfall weiß, wo ich hinfahren muß.

Matthias Schwager Gibt es keine Möglichkeiten, die hier oft genannten zwei Stunden zu verlängern?

Eigentlich nicht. In den ersten zwei Stunden nach der Infektion hat der Virus noch nicht an Zellen angedockt, um sich dort einzunisten und zu reproduzieren. Nur dadurch besteht die Chance, den Virus vollständig durch die Therapie aus dem Körper zu beseitigen.

Man muß also innerhalb der zwei Stunden mit der Therapie beginnen. Das kann anfänglich aber auch eine Initialdosis sein, die dazu dient, den Zeitraum für weitere Entscheidungen auf 12 Stunden auszudehnen.

Die HIV-PEP funktioniert definitiv nicht mehr nach 24 bzw. 72 Stunden, dieser variable Zeitraum wird durch die Art der Ansteckung beeinflußt. Das sind sehr vage Zeiten. Die Entscheidung liegt dabei beim Arzt und bei dem Betroffenen.

Wo kann man eine Initialdosis bekommen?

Man wird eine Initialdosis in der Regel nicht bei Hausärzten bekommen, weil die Medikamente sehr teuer und daher nicht vorrätig sind.

Die Leute müssen wirklich gleich zum Experten, zum Beispiel in die Immunschwäche-Ambulanz. Darüber sollten gerade auch HIV-positive Bescheid wissen.

Sind diese Stellen bezüglich HIV-PEP auf dem neuesten Stand?

Ja. Hier waren neben anderen auch die Aids-Hilfen engagiert, um ein entsprechendes Hilfsangebot zu entwickeln. Wir hatten z.B. mehrere Gespräche mit den Ärzten in der Uniklinik.

Die einzigen Problemzonen sind die ländlichen Gebiete, wo es eben keine Unikliniken gibt. Dort kann man nur versuchen, die Ärzte soweit aufzuklären, daß sie bei einer Anfrage die Personen gezielt weiterleiten können. Die Aids-BeraterInnen in den sächsischen Gesundheitsämtern sind ebenfalls über HIV-PEP informiert.

Kann der HIV-Positive, der sowieso in ärztlicher Behandlung ist, nicht schon eine Initialdosis vorrätig haben?

Nein. Es würde dann zu einer Selbstmedikation kommen. Das heißt, die Betroffenen würden alleine über den Einsatz der Medikamente entscheiden.

Das ist aus menschlichen Gründen nachvollziehbar, aber aus fachlicher Sicht sehr problematisch und nicht ratsam. Deshalb noch mal ein großes Achtungszeichen. HIV-PEP ist nicht die "Pille danach" für den Fall, das was schief ging. Es handelt sich bei der Therapie um eine sehr starke Chemotherapie, die bei der behandelten Person in Extremfällen sogar Allergien auslösen kann, die zum Tod führen.

Es ist also für den Saunabesuch niemals eine Alternative zum Kondom, daß muß allen klar sein. Und obwohl das einleuchtend genug ist, kommt aus Amerika schon die entgegenrichtete "bareback"-Welle. Dieses Kürzel steht für Sex ohne Kondome.

Aber es ist ganz klar, es wird in keiner Sauna - auch nicht in Amerika - eine Schublade geben, wo man im Zweifelsfall eine Initialdosis herausholt und sich damit ein paar rettende Stunden verschaffen kann, um später mit einem Arzt über den Beginn einer HIV-PEP zu sprechen.

Ein weiteres ausschließendes Kriterium für diese Überlegung ist der Kostenpunkt dieser Medikamente. Eine HIV-PEP Therapie kostet für einen Monat ungefähr 2500 – 3000 DM.

Wer trägt die Kosten, wenn der Arzt nach der Indikation einer Therapie zustimmt?

Die Krankenkassen haben bisher keine generelle Zustimmung zur Bezahlung der Therapiekosten gegeben. In Einzelfällen sind aber die Kosten, nach korrekter Indikation durch den Facharzt, von der zuständigen Krankenkasse übernommen worden.

Dein abschließender Rat?

Ich denke, daß Kondome nach wie vor die bessere Alternative beim Sex sind. Wenn man in einer Partnerschaft mit einer HIV-positiven Person lebt, sollten sich beide von einer AIDS-Beratungsstelle beraten lassen, damit beide für den Fall der Fälle vorbereitet sind.

Vielen Dank für das Interview.

MH

SZENE Interview