Das 1x1 des Cruising

cruise [kru:z] engl.: kreuzen, herumfahren, -laufen, eine Kreuzfahrt machen

Die Tage werden im Mai nun endlich wieder länger, die Nächte wärmer. Die aufkommenden Frühlingsgefühle und -gelüste treiben so manchen Schwulen hinaus in die Nacht. Bestimmte Plätze scheinen da eine magische Anziehungskraft zu besitzen. Einige Männer laufen dort wie zufällig auf und ab, andere stehen scheinbar unbeteiligt herum, ziehen cool an ihren Zigaretten und verfolgen, für den Unwissenden nicht sichtbar, doch nur ein Ziel. Oft genügt ein flüchtiger Blick, ein angedeutetes Lächeln, eine Erwiderung, um zu wissen, daß sich der andere auf der gleichen Jagd befindet. Das Ziel dieser rastlosen Suche ist der schnelle anonyme Kick mit dem Körper eines anderen, fremden Mannes. Man muß den anderen nicht kennen, ja man muß eigentlich nicht mal mit ihm reden. Und danach geht man wieder einmal ohne Beziehungsstreß nach Hause und auch ohne mühselig ausgetauschte Telefonnummern, die man doch nie anruft...

Gegenpol wagte sich an diese öffentlich geheimen Orte, um für Euch herauszufinden, was eigentlich den Reiz des Cruising ausmacht. Dazu haben wir einen dieser Männer kurz gestört und nach seinen Erfahrungen befragt. Das kleine Interview bleibt natürlich völlig anonym. Wir berichten auf diesen Seiten, wie Man(n)'s macht, und stellen außerdem die zur Zeit aktuellen Cruising-Plätze in Chemnitz, Dresden und Leipzig vor. Doch nun genug der Vorrede...

Frühlingserwachen

Endlich steigen die Temperaturen und der Moderator im Radio berichtet von 10% Regenrisiko. Das heißt wahrscheinlich, daß es wahrscheinlich nicht regnet. Dann hält es niemanden von uns in den eigenen vier Wänden und die lange angesetzte Abendtour wird in die Tat umgesetzt. Mit offenen Augen geht es über Cruising Straßen im Dämmerlicht und durch städtisches Grün. Sofort wird uns der eine oder andere Herr mittleren Alters mit der unsäglichen Handgelenktasche am Arm auffallen, das ungeliebte Maskottchen aller Cruisingareas. Die doch aber so nützlich sind als Wegweiser, jeder weiß sofort, wo Mann rein zufällig gelandet ist, um später rein zufällig wieder dorthin zurückzukehren.

Wer geht denn nun wirklich cruisen? Also zum Beispiel... Junge, unerfahrene Typen und schon etwas ältere Unerfahrene nicht, die suchen vor allem zu sich selbst. Ausnahmen bestätigen die Regel. Studenten schauen schon mal aus Kostengründen unverbindlich vorbei, Ältere nutzen das angenehm schwache Licht. Der offen schwule Szenebesucher braucht sich wegen seines hohen Wiedererkennungswertes kaum besonders schwul zu geben. Für den Gelegenheitscruiser bedeutet das schon mehr Arbeit, sonst wird halt nix. Dabei sind Fehlgriffe besonders bei den Klamotten täglich zu bewundern! Pannenhilfe gibt es nicht, hier muß Prävention betrieben werden: Wenn Du dich in deiner Kleidung unwohl fühlst, kannst Du auch gleich zu Hause bleiben. Wie willst Du denn so Spaß haben? Farbenfrohe Anzüge oder Phantasieuniformen sind etwas für die ganz große Weekendparty. Vorteilhaft für die Großstadtschwestern und ihren täglichen Abstecher zum Areal ist das Alltagsoutfit. Das ist voll okay, wenn bei der ganzen Sache der allgemeine Reinigungszustand beachtet wird. Wieso? Na, was ist denn das Ziel der Übung?

Das wäre also geklärt, Du läufst durch das Gebiet, und wie geht's nun weiter? Mit dem Wanderschritt, den Du drauf hast, geht auf alle Fälle nichts. Selbstbewußtsein bringt jetzt 100 Pluspunkte, Ruhe und Geduld noch mal soviel. Sieh Dich um, besonders nach der Zielgruppe und glaube fest daran, daß die Oma, die gerade an Dir vorbeigeht, nicht Gedanken lesen kann.

Dir ist ein heißer Typ aufgefallen, der genau wie Du scheinbar ziellos in der Gegend rumsteht. Ging ja schnell, jetzt kommt es auf das richtige Timing an. Laß ihn zappeln und/oder Dir etwas einfallen. Ach so, Du traust Dich nicht und Dir fällt nichts ein? Pech für Dich, da hat eben ein anderer mit Deinem Traum Blickkontakt aufgenommen, geht langsam an ihm vorbei, gibt ein Zeichen, beinahe unmerklich. Doch Du siehst es ganz genau, wie auch der erste im Dunkel verschwindet und Dein Traummann folgt. Ihm, nicht Dir.

Da Du eine Abfuhr souverän wegstecken kannst, meistens jedenfalls, willst Du wiederkommen. Wann es sich lohnt? Tut uns leid, können wir nicht sagen. Wir geben ja auch nicht die Lottozahlen schon freitags bekannt.

AYOR! Die bekannte Formel aus den internationalen Szeneführern solltest Du nicht völlig aus dem Gedächtnis verbannen. At your own risk! Übersetzt: Auf Dein eigenes Risiko, denn Deine persönliche Freiheit ist für einige noch keine Selbstverständlichkeit. Bist Du neu in einer Stadt, dann starte Deine ersten Erkundungen am Tage, statt orientierungslos durch die dunkle Nacht zu stolpern. Du kannst Deinen Freunden später sowieso nicht klarmachen, daß Du im Berliner Tiergarten die Löwenbrücke nicht gefunden hast. Noch ein ernstes Wort: Du bist mitten beim Cruisen und in Deiner Nähe gibt es Streß mit zwielichtigen Gestalten. Was nun? Nichts sehen, nichts hören und langsam aber sicher das Weite suchen? Kann man machen oder man kann Mumm in den Knochen haben. Ja genau, und das ohne den Helden zu spielen. Zur Not gibt's noch 110.

Weil wir gerade so schön nachdenklich sind, warum geht denn nun ein großer Teil der schwulen Community cruisen? Sind wir doch nur willenlose Opfer unserer Hormone, haltlose Elemente im Rausch des Lebens? Ständig auf der Suche nach dem neuen Kick? Oder gibt es die Chance auf die Begegnung, die keine flüchtige Begegnung bleibt, der ein Kennenlernen folgt, eine Freundschaft bleibt? Auch das gibt es.

Die Cruisingarea ist aber kein Spielplatz für romantische Spinner, bestimmt nicht. Nur ein Treffpunkt, eine von vielen Möglichkeiten. Nicht mehr, nicht weniger.

Ralf

Lets go outside