Transsylvania in Chemnitz

Man nehme etwas Reis, eine Wasserpistole, Toilettenpapier, eine Taschenlampe sowie eine Scheibe Toast, kaufe am Kiosk noch eine aktuelle Tageszeitung und mache sich auf den Weg nach Chemnitz. Wozu das Ganze? Nun, eingefleischte Fans wissen schon längst, was sie erwartet: Richard O'Briens "Rocky Horror Show" - jenes Kult-Musical der frühen 70-er Jahre zwischen Jugendrevolten und Pop-Art. Und das hat Choreograph Ricardo Fernando auf der Bühne des Chemnitzer Opernhauses inszeniert. Mutig, mutig, werden jetzt einige denken, angesichts der Tatsache, daß das Haus erst Ende vergangenen Jahres mit dem Projekt der Komplettaufführung von Wagners "Ring der Nibelungen" für Schlagzeilen in der Presse sorgte. Wer aber den Spielplan der Oper Chemnitz kennt, weiß, daß Musicals schon seit Jahren mit zum festen Repertoire gehören und das mit großem Erfolg. So hat es nicht einmal Madonna in den Kinos geschafft, daß die grandiosen "Evita"-Aufführungen in Chemnitz auch nur einmal unausverkauft blieben. Eine Tradition, die sich jetzt mit der "Rocky Horror Show" fortzusetzen scheint. Leider nicht mit viel Liebe zum Detail, denn die Intendanz setzt mit Ihrer Umsetzung des Stoffes ausschließlich auf Party, Fun und die Visualität von Tanz, Kostümen und Bühnenbild. Was auch hervorragend gelingt und dem Londoner Original von 1973 in nichts nachsteht, denn die "Rocky Horror Show" in Chemnitz ist in erster Linie ein wahrhaft opulentes Fest für's Auge vermischt mit dem Spaß einer Partynacht: Tolle Choreographien, schrille und erotische Kostüme, die so manches Travestie-Sternchen vor Neid erblassen lassen und aufwendige - mal knallig pink, mal düster leuchtende - Bühnenbilder, die alle Register der modernen Technik des Hauses ziehen. Dazu noch die gut aussehenden Tänzer und Darsteller der Hochschule für Musik und Theater Leipzig, die man für zahlreiche Hauptrollen verpflichtete - allen voran Daniel Schröder als Rocky - Schwulenherz, was willst du mehr? Unglücklicherweise bleibt es aber, wie in der "Szene" auch, bei diesen reinen Äußerlichkeiten. Gesanglich hatten die Hauptdarsteller recht wenig zu bieten. Hätte es nicht den erstklassigen Backroundchor gegeben, wären die Songs nur noch peinlich gewesen. Verdienten Beifall bekam die Michael Fuchs Band, die musikalisch ihr Bestes gab. Allerdings waren die Tontechniker mit der Aussteuerung von Rock und Pop wohl hoffnungslos überfordert. Den größten Fehler begingen die Damen und Herren der Oper Chemnitz aber damit, für diese Inszenierung auf einen Regisseur zu verzichten, der es versteht, den feinsinnigen Hintergrund des Stückes herauszuholen und dem euphorischen Publikum nahezubringen. Wieviel Zeitkritik, Widersprüche und innere Zerissenheit steckt doch darin, wenn ein in den spießigen Tradtionen und Konventionen einer überlebten Nachkriegsgeneration erzogenes junges Paar plötzlich auf einem Transenball landet. Eine Problematik, die heute noch genauso aktuell ist, wie zu Zeiten der Uraufführung. Mit dem kleinen Unterschied nur, daß der Autor die Transvestiten noch als Außerirdische vom Planeten Transsylvania erscheinen läßt, während sie heute doch einen wesentlichen Bestandteil schwuler Subkultur bilden. Das aber bleibt in der Chemnitzer Inszenierung ziemlich plakativ und außen vor. Glaubhaft wird es nur durch die Leistung einzelner Darsteller, die es sichtlich genießen, sich auf der Bühne ausleben zu können. Trotzdem lohnt sich ein Besuch der Chemnitzer "Rocky Horror Show" auf jeden Fall. Ein lustiger Abend mit hohem Schauwert und mitreißender Musik ist garantiert, und angesichts der täglichen Horrormeldungen im Fernsehen und Presse tut etwas weniger psychologischer Tiefgang bei solch einem Stück auch einmal ganz gut und ist mit recht humanen Eintrittspreisen im Vergleich zu den Dresdner Häusern für jeden erschwinglich. Karten sollte man sich aber rechtzeitig unter der Telefon-Nr. 0371/6969-696 sichern, denn seit seiner Premiere im Februar '99 ist das Stück schon längst wieder zum Kassenfüller avanciert.

aro

Rocky Horror