Das neue Schwulen- und Lesbenparadies?

England - aus deutscher Sicht galt es bisher als ein rigides, fast homophobes Land, an dem die kontinentale Liberalisierung anscheinend spurlos vorbeigegangen ist. Zitiert wurde in diesem Kontext oft der von Margaret Thatcher eingeführte Clause 28. Jener verbietet unter anderem die Verwendung von Staatsgeldern zur "Förderung von Homosexualität" in britischen Schulen. Sicher, auf der anderen Seite des Ärmelkanals herrschen noch andere Sitten. So wurden zum Beispiel am 12. Januar dieses Jahres sieben britische Männer schuldig gesprochen, Gruppensexaktivitäten nachgegangen zu sein. Dies ist dort verboten - allerdings nur für Homosexuelle.

Doch es ist auch ein allmählicher Wandel festzustellen: vor vier Jahren wurde das Schutzalter (Age of Consent) für schwule Männer von 21 auf 18 gesenkt. Damit liegt es immer noch 2 Jahre über dem Schutzalter von Heterosexuellen, ein Anfang immerhin.

Ein zweiter Versuch des Unterhauses, die Schutzalterreglung den europäischen Vorgaben anzugleichen, wurde mit 75% der Stimmen angenommen. Jedoch scheiterte die Gesetzesinitiative am Nein des britischen Oberhauses (einer Institution ähnlich unserem Bundesrat, jedoch auf Erbadel begründet), das die New Britain Initiative mit ebenso großer Mehrheit abschmetterte. Die Lords beriefen sich auf eine angebliche Mehrheit der Bevölkerung, die dieses Gesetz ablehnen würde. Sehr wahrscheinlich ist aber die Angst des britischen Adels um ihre eigenen Töchter und Söhne...

Streitpunkt ist die Sorge, daß sich Kinder, insbesondere an Schulen, in einem direkten Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Lehrern befinden und homosexuelle Lehrer ein gesenktes Schutzalter ausnutzen würden.

Nun hat sich das Unterhaus auf einen Kompromiß geeinigt: diese Abhängigkeitsverhältnisse sollen von der Schutzalterregelung ausklammert werden. Doch auch dieser Vorschlag ist dem Oberhaus nicht genehm. Sich immer noch auf eine angebliche Mehrheit in der Bevölkerung berufend, wollen die Lords auch diese Initiative ablehnen. Umfragen in Großbritannien besagen aber das Gegenteil: eine am 11. März durchführte Erhebung zeigte, daß rund 60% der Gesamtbevölkerung, beziehungsweise 78% der jungen Briten für die vorgesehene Gesetzesänderung sind. 74% seien für eine Gleichberechtigung von Homosexuellen - 1991 waren es nur 65%. Die aktuellen Zahlen geben Anlaß, in Zukunft auf weitere Verbesserungen zu hoffen, so daß man das homophobe Image Großbritanniens ernsthaft in Frage stellen muß. Vielleicht heißt es ja bald wirklich "New Britain" - neues Schwulen- und Lesbenparadies!

FeB