Streit um Beauftragten-Stellen im Rathaus
Betreuung von Lesben und Schwulen an Verein übertragen?

Zu der in Leipzig anhaltenden Debatte um die Übertragung der Beauftragtenstellen für gleichgeschlechtliche Lebensweisen an einen Verein äußert sich die AIDS-Hilfe Leipzig in einem offenen Brief, den wir an dieser Stelle ungekürzt veröffentlichen:

Laut CDU hat sich die gesellschaftliche Situation für gleichgeschlechtlich Liebende seit 1991 "entscheidend verändert". Die CDU leitet daraus die Forderung ab, die in der Stadtverwaltung bestehende Stelle der Beauftragten für gleichgeschlechtliche Lebensweise nicht mehr länger zu finanzieren, sondern bei einem geeigneten Verein anzusiedeln.

Die Frauen-Gleichstellungs-Beauftragte wird dann demnächst bei "Frauenkultur e.V." angesiedelt, die Beauftragte für Senioren bei den "Grauen Löwen", der Ausländerbeauftragte bei der Caritas - oder besser der Inneren Mission, die Stelle des Behindertenbeauftragten wird dann zwischen Rheumaliga, PARITÄTischem, Psychiatriebetroffenenvereinen und dem Behindertenverband ausgelost...???

Die Aufgaben und Zielstellungen solcher Beauftragtenstellen innerhalb der Stadtverwaltung hatten und haben ihren Sinn, ihre Berechtigung und Notwendigkeit - als Interessenvertretung, als Schnittstelle zwischen den betroffenen Bürgern und der Stadtverwaltung, als Koordinierungs- und Anlaufstelle. Diese Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Selbst wenn man konstatiert, daß sich die gesellschaftlichen Bedingungen verändert haben, heißt das nicht zwangsläufig, daß sie sich verbessert haben oder daß es hier überhaupt nichts mehr zu tun gäbe - nicht nur die Zunahme von Gewalt gegen schwule Männer in Leipzig und entsprechende Parolen an den Mauern senden eindeutig andere Signale.

Nicht, daß wir keinem Verein eine zusätzliche Stelle gönnen. Arbeit und Aufgaben gibt es genug - aber die definierte bisherige Rolle und die Aufgaben könne nicht automatisch an eine(n) MitarbeiterIn in einem Verein übertragen werden, Interessen- und Loyalitätskonflikte wären vorprogrammiert...

Wir möchten ernsthaft zu bedenken geben, daß diese Diskussion kein Streit zwischen CDU und PDS sein kann und darf, wie es die LVZ (Leipziger Volkszeitung, d. Red.) in der Meldung vom 26.4.2000 beschrieb, unabhängig von parteipolitischen Kalkülen ist die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit dieser Beauftragtenstellen zu unterstreichen, ihre bisherige Tätigkeit wertzuschätzen und für einen Erhalt zu kämpfen. Die Stellungnahme der Bürgerfraktion im Rathaus vom 8. Mai 2000 bestärkt dieses Anliegen.

Hans Probst
Leitender Sozialarbeiter der AIDS-Hilfe Leipzig e.V.
Leipzig 10.05.2000

Weiter-Link Szene-Interview mit Kathrin Sohre

Offener Brief