Interview mit Kathrin Sohre,

Referat Beauftragte für gleichgeschlechtliche Lebensweisen der Stadt Leipzig

1991 war Leipzig die erste Stadt in Ostdeutschland, in der es der Lesben- und Schwulenbewegung gelang, daß Beauftragtenstellen für gleichgeschlechtliche Lebensweisen eingerichtet wurden. Dies hatte damals auch Modellcharakter für Dresden, wo im Jahre 1997 ebenfalls Beauftragtenstellen für Lesben und Schwule eingerichtet wurden. In Dresden machte die CDU deren Abschaffung 1999 zum Wahlkampfthema und demontierte nach der Wahl die Beauftragten.

Auch in Leipzig gibt es immer wieder Diskussionen über die Notwendigkeit der Lesben- und Schwulenbeauftragten, die in der Vergangenheit eine Kürzung auf zwei halbe Stellen nach sich zog. Diese beiden Stellen, besetzt mit Kathrin Sohre und Thomas Krakow, werden nun zum 1. Juli in eine volle Stelle umgewandelt. Das hat die Stadtverwaltung selbst vorgeschlagen und der Stadtrat am 17. Mai beschlossen. Thomas Krakow wird künftig ein anderes Arbeitsgebiet in der Verwaltung übernehmen. Kathrin Sohre nimmt ab 1. Juli allein die Aufgaben als Beauftragte für gleichgeschlechtliche Lebensweisen war.

Ein Grund für uns, Kathrin über ihre Arbeit zu befragen.

Kathrin, den meisten Lesben und Schwulen aus Leipzig bist du ein Begriff. Seit 1987 aktiv in der Lesben- und Schwulenbewegung engagierst Du dich seit 1991 als Beauftragte der Stadt Leipzig für lesbische und schwule Belange. Doch gerade die nachwachsende Generation kann sich unter einer Beauftragtenstelle wenig vorstellen. Daher die Frage: was machst Du eigentlich genau?

Kathrin Sohre Also, eigentlich reagiere ich inzwischen allergisch auf diese Frage, die uns immer und immer wieder gestellt wird. (lacht)

Ich bin dazu da, um für Schwule und Lesben in der Verwaltung beziehungsweise auf kommunaler Ebene Benachteiligungen zu beseitigen. Ich möchte aber ausdrücklich betonen, daß ich nicht für Vergnügungen zuständig bin.

"In Leipzig ist nix los" höre ich immer wieder sagen. Nun, ich bin dazu da, die Voraussetzungen zu schaffen, daß Lesben und Schwule in Leipzig etwas "los" machen können.

So haben wir beispielsweise bei den Schwierigkeiten der Genehmigung für die Stargayte Sauna vermittelt. Thomas Krakow hat den Behörden die schwulen Lebensweisen erläutert und so wurde der negative Bescheid zurückgezogen. Leipzig hat nun eine schöne Sauna.

Oder zum Beispiel, daß hier Coming Out Gruppen existieren und durch die Stadt finanziert werden, ist mein Verdienst. Letztendlich habe ich mich sogar der Weiterführung der Gruppen JuLe und J.u.n.g.s. angenommen, Sozialpädagogik-PraktikantInnen für deren Betreuung beschäftigt und ihnen die Verwaltungsarbeit abgenommen. Die Jugendlichen machen Jugendarbeit für Jugendliche. So stelle ich mir Jugendarbeit vor. Das ist mir wichtig, ich hätte selbst gern so etwas gehabt, als ich mein Coming-out hatte.

Also ist auch die Förderung der Schaffung von Strukturen für Lesben und Schwule Deine Aufgabe?

Ja. Für die Jugendlichen haben wir die Coming-out Gruppen, aber auch im soziokulturellen Bereich brauchen wir Strukturen. Wohin soll ich die Leute sonst schicken, die Kontakt suchen und Gleichgesinnte kennenlernen wollen?

Ich kann da meist nur der Erstkontakt sein, aber das reicht natürlich nicht aus. Die Begleitung in ein selbstbestimmtes lesbisches oder schwules Leben ist oft ein langer Prozeß und braucht mehr als einen Ansprechpartner. Da gibt es nun zum Beispiel die RosaLinde, das Bunte Archiv oder die AIDS-Hilfe.

Natürlich fördere ich auch auf ideelle Weise Strukturen, z.B. die Rosa Löwen, den lesbisch-schwulen Sportverein der Stadt.

Also ist auch die persönliche Beratung Teil Deiner Tätigkeit?

Ja. Jeden Dienstag von 11 bis 18 Uhr ist Sprechtag. Immer häufiger tauchen bei mir Leute auf, die selten oder gar nicht in der Szene zu sehen sind.

Häufig sind es Fragen zur Partnerschaft, welche diese Leute an mich herantragen. Da geht es zum Beispiel um PatientInnenverfügungen oder Partnerschaftsverträge.

Ein besonders schwieriges Thema sind binationale Paare. Aber auch da haben wir schon so manche menschliche Tragödie verhindern können.

Am 17. Mai hat der Stadtrat nun nach Eurer Vorlage beschlossen, die zwei halben Stellen ab 1. Juli in eine volle umzuwandeln. Die wirst Du dann besetzen. Was ändert sich für die Klienten und die Arbeit?

Für die Klienten ändert sich eigentlich nicht viel. Kathrin Sohre Ich bin weiterhin Ansprechpartnerin für Probleme von Lesben und Schwulen, die sich auf städtischer Ebene lösen lassen. Teilweise auch auf Landesebene, aber da bin ich nur begrenzt handlungsfähig.

Bestimmte Aufgaben, die ich mir aufgrund der Notwendigkeit selbst gesucht habe, kann ich dann wahrscheinlich nicht mehr leisten, wie beispielsweise die Führung der Finanzen für JuLe und J.u.n.g.s.

Ich muß sehen, wieviel Raum neben den Verwaltungsaufgaben tatsächlich noch für kreative Projekte bleibt. Übrigens suche ich dringend eine/n neue/n PraktikantIn für die Gruppen. BewerberInnen melden sich bitte telefonisch unter 0341 - 123 67 42 bei mir.

Bisher gab es immer einen schwulen Mann und eine lesbische Frau als Beauftragte. Ab Juli gibt es dann nur noch Dich als weibliche Ansprechpartnerin. Siehst Du darin Probleme in der Akzeptanz besonders bei den schwulen Männern?

Ich persönlich sehe überhaupt keine Probleme. Erstens, weil wir schon in der Vergangenheit immer versucht haben, die Zusammenarbeit zwischen Lesben und Schwulen bestehen zu lassen und nicht zu separieren.

Zum zweiten kennt man mich auch in der schwulen Szene schon sehr lange, ich denke, daß ich da Vertrauen aufgebaut habe.

Drittens ist die Geschlechtsspezifik bei den Problemen, die ich in der Stadtverwaltung lösen kann, nicht mehr relevant.

Bei Problemen, die explizit für Schwule relevant sind, beispielsweise bei sexuellen Fragen, habe ich genügend kompetente schwule Partner in den Vereinen, an die ich mich wenden kann. Außerdem kommen auch heute schon die Schwulen teilweise mit ihren Problemen zu mir. Nein, ich denke da gibt es keine Schwierigkeiten.

Kathrin, ich danke Dir für das Gespräch und wünsche Dir weiterhin viel Elan bei der Bewältigung deiner Aufgaben.

Das Gespräch führte Philip Schuhmann.

Weiter-Link Offener Brief von Hans Probst (AIDS-Hilfe)

Szene-Interview