Monsterfilm? Meisterwerk!

Vor langer Zeit, ein Medienzeitalter weit weg, gab es noch Monster. Doch die Frau mit Bart, der Mann mit 300 Tattoos, Schwule, Lesben und die Transe der Woche sind heute keine Monster mehr, sondern nichts weiter als Futter für die Liebesdienerinnen des Skandals: Sonja, Vera oder Andreas. Aber wie gesagt, es gab eine Zeit, da waren sie alle Monster. "Gods and Monsters" erzählt eine Geschichte aus dieser Zeit.

1957: James Whale, berühmt durch seine Frankensteinfilme und berüchtigt wegen seiner offen gelebten Homosexualität, lebt zusammen mit seiner Haushaltshilfe Hannah in Hollywood. Nach einem Gehirnschlag wird ihm eröffnet, daß sich sein Zustand nur noch verschlechtern wird. Ein gewaltsamer Tod scheint Whale die einzige Möglichkeit, sich selbst die Herabwürdigung des Schwachsinnigwerdens zu ersparen.

Film: Gods and Monsters Dabei stellt ihm das Schicksal einen Helfer an die Seite, der nichts von der ihm zugedachten Aufgabe weiß: Clayton Boone, den neuen Gärtner. Whale bittet darum, Boone zeichnen zu dürfen und verwickelt ihn während der Sitzungen in Gespräche über sein Leben, seine Filme und sein größtes Werk: sich selbst. Denn Whale ist kein englischer Dandy, wie die Presse dank seines unbescheidenen Vorgehens zu wissen glaubt, sondern ein britisches Arbeiterkind. Boone ist erst abgestoßen von der "alten Schwuchtel", erliegt aber dann der eigenen Neugier und dem Kitzel, der entsteht, wenn einem etwas Unbekanntem begegnet: Man fürchtet sich, will aber auch verstehen. So werden sie Freunde, am Ende stirbt Whale eines unnatürlichen Todes. Boone hat ihn nicht getötet.

James Whale gab es wirklich. Auch "Frankenstein" hat er wirklich gedreht – und sich selbst und Boris Karloff, sein Monster, damit in den Olymp der Filmgeschichte erhoben. Und er war wirklich einer der ersten offenen Schwulen der Traumfabrik. Die Umstände seines Todes im Jahr 1957 sind ungeklärt.

Autor und Regisseur Bill Condon versucht nicht, eine Antwort auf die Frage zu geben, wie es denn nun wirklich war, sondern beschreibt meisterlich, wie es hätte sein können. Sein Monster ist Sir Ian McKellen in der Rolle des alternden James Whale. Ein großer Schauspieler auf der Höhe seiner Kunst: Unbeschreiblich, wie McKellen mit Blicken oder ein paar hingeworfenen Gesten ganze Zeitalter im Leben eines Menschen begreiflich macht, wie er Liebe, Todessehnsucht, Geilheit und Müdigkeit in einem einzigen Moment darzustellen vermag.

Lynn Redgrave als Hannah und Brendan Fraser als Boone bilden das schauspielerisch schwere Gegengewicht, das McKellen hier benötigt. Hannah ist Whales Lebensgefährtin, begleitet ihn, beschützt ihn, kümmert sich, liebt ihn mütterlich und anderweitig aussichtslos, ignoriert das "Unaussprechliche". Brendan Fraser bietet McKellen als Boone erstaunlich sensible und überzeugende Paroli für jemanden, der eher für Abenteuerstreifen wie "Die Mumie" bekannt ist.

Bill Condon bekam den Oscar für sein Drehbuch nach Christopher Brams hoch gelobtem Roman "Father of Frankenstein". Beide, Buch und Film, schaffen es, auf berührende Weise deutlich zu machen, wie nötig wir Monster brauchen in unserem Leben, um an- und abzustoßen und zu verdeutlichen: "Normal" ist eine nicht existente Kategorie.

Paul Schulz

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Gods and Monsters