Herzlichen Glückwunsch Marlene Dietrich!

Für Legenden spielt das Alter keine Rolle. Nur so läßt sich erklären, weshalb für Millionen in der Welt die Filme, Chansons und der Lebensstil der Dietrich noch heute, also über Jahrzehnte hinweg, eine Faszination auszuüben vermag, wie es kaum eine andere deutsche Künstlerin schaffte.

Personen der Zeitgeschichte werden diejenigen genannt, an denen die Öffentlichkeit ein gesteigertes Interesse haben. Insofern lohnt wieder einmal ein Besuch in die Hauptstadt, in der gerade eine Ausstellung über Marlene Dietrich gezeigt wird. Zu sehen ist das Idol der Schwulen und Lesben als Diva der Traumfabrik Hollywood. Das besondere dabei ist, daß die Jubilarin im Kontext ihrer Zeit dargestellt wird und insbesondere die Ambivalenz ihres Verhaltens in Bezug auf Männer und Frauen ihrer Umgebung. So heißt die Ausstellung im Schwulen Museum Berlin nicht ohne Grund "Marlene und das Dritte Geschlecht". Marlene Dietrich changierte zwischen den Geschlechtern. Mit ihrer androgynen Ausstrahlung verzauberte sie Männer wie Frauen. Dieser Verzauberung spürt die Ausstellung nach und macht sie mit vielen Originaldokumenten sichtbar.

Die Ausstellung "Marlene und das dritte Geschlecht" ist vom 5. Dezember 2001 bis zum 1. April 2002 im Schwulen Museum, Mehringdamm 61, Berlin zu Gast. www.SchwulesMuseum.de

In diesem Zusammenhang soll ein zum 100. Geburtstag der Dietrich erschienenes Buch von Werner Sudendorf nicht unerwähnt bleiben. Das Portrait mit dem schlichten Titel des Namens der Diva erscheint im Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv). Chronologisch werden die markanten Epochen der Dietrich dargestellt, und erlauben so ein relativ unbelastetes, soll heißen legendenfreies Portrait der Künstlerin. Dem Leser wird damit ermöglicht, sich selbst ein Bild zu verschaffen, und es dann mit dem Bild zu vergleichen, daß der Dietrich ohnehin vorauseilt. Erwähnenswert ist, daß die jeweils beschriebene Epoche der Dietrich mit parallelen Ereignissen ihrer Zeit einleitend zu den Kapiteln dargestellt werden.

Warum aber noch ein Buch über Marlene Dietrich? Die konsequente Geheimniskrämerei, die unnachgiebige Verweigerung von Antworten geben bis heute Nahrung für Legendenbildung. Was hatte sie zu verbergen? War sie eine Spionin für die Nazis, oder für das FBI? War sie lesbisch, nyphomanisch, gar eine Vorkämpferin der Emanzipation, oder doch nur geistig verwirrt? Gewiß ist eines: Sie stilisierte sich als Rätsel, als schwierig und unzugänglich. Das Portrait wird der Künstlerin insoweit gerecht, als es versucht, aus einer geschichtlichen Distanz ihr Leben zu beschreiben, es aber nicht einer biographischen Wertung unterzieht. Denn was die Dietrich mehr haßte als Biographien waren: Biographen. Marlene ist keine Legende, sie wird zu einer gemacht. Den Mythos um ihre Person hielt sie selbst für einen Mythos. Ohne Grund kann es aber nicht sein, daß sie auf den Gebieten der Schauspielerei und des Gesangs alles erreicht hat. Deshalb der Ratschlag an Marlene-Fans, denen die Fakten zum wirklichen Liebhaber noch fehlen. Zuerst das Portrait durchblättern, dann die Ausstellung besuchen.

RZ

100 Jahre und kein bisschen alt