Über Risiken und Nebenwirkungen...

... vom Barebacking gibt es kaum mehr zu sagen, als daß es lebensgefährdend ist. Trotzdem steigt die Zahl derer, die es "raw" treiben. Eine Annäherung an ein heißes Eisen.

Es grassiert in der Szene wie ein Fieber und es hat die Symptome einer Krankheit mit hohem Suchtpotenzial: Barebacking, auf Deutsch "Reiten ohne Sattel". Im Klartext: Ficken ohne Gummi und Abspritzen in den Mund kommen wieder in Mode.

War Barebacking vor einigen Jahren noch eine halbwegs exotische Sexualpraktik, die in den USA als neue Kamikazeform einiger Irrer belächelt und verspottet wurde, ist es dort inzwischen alltäglich und über die entsprechenden Internet- und Pornoangebote auch ein einträgliches Geschäft geworden: Dutzende Videos sind auf dem Markt und unzählige Websites kommerzieller und privater Natur so wie e-Groups bedienen die Klientel - zur Kontaktanbahnung, zum Fantasieren, Anregen sowie Gedanken- und Erfahrungsaustausch.

Mit einiger Verzögerung schwappt nun die Welle zu uns. Massiv steigt die Zahl derer an, die Gummis als lästig, überflüssig und ungeil empfinden. Bareback-Zentren sind derzeit noch die großen Ballungsräume wie Berlin, Hamburg, das Ruhrgebiet und Frankfurt, aber auch im Osten formieren sich die Anhänger - sie werden offensiver, selbstbewußter.

Und ein schlechtes Gewissen haben sie nicht, denn die meisten von ihnen sind HIV+, im Slang "poz", und treiben es in der Regel auch nur mit anderen Positiven - aus Prinzip, wie Thomas B.*, 37, aus Frankfurt versichert: "Es ist doch blödsinnig, jemanden bewußt anzustecken, wo jeder Positive weiß, wie Scheiße es ist, AIDS zu haben. Mich wundert aber, daß es genügend Negative gibt, die gezielt 'gepozzt' werden wollen. Aber ein verantwortungsvoller Barebacker macht sowas nicht."

Freilich gibt es auch andere Erfahrungen: Der Münchner Nick R.*, 33, wurde in Paris auf einer Cruisingparty bewußt angesteckt: "Zuerst vögelte mich der Typ im Sling mit Kondom, dann streifte er es ab, rammte mir schnell wieder seinen Schwanz rein, spritzte ab und verschwand. Es ging alles blitzschnell." Ergebnis des HIV-Tests nach einigen Wochen Ungewißheit: positiv. Manchmal sind auch Drogen im Spiel: Charly I.* aus Berlin (32) ließ sich, völlig bekifft, im Alter von 28 Jahren von "einer absolut heißen Nummer" in den Mund spritzen. Auch bei ihm war das "the one wrong fuck". Es gibt also durchaus Leute, die aus Gründen wie Rache an der Gesellschaft, Revanche für die eigene Ansteckung oder schlichter Bösartigkeit andere mit voller Absicht infizieren. Internet-Barebacker zumindest distanzieren sich von so einem Verhalten: Zu ihrer Chatiquette gehört, daß nur "poz mit poz"-Kontakte toleriert werden. Zwar spricht die stabile Neuinfektionsrate von etwa 2000 Betroffenen pro Jahr, die das Robert-Koch-Institut für Deutschland angibt, gegen eine Eskalation der Situation, doch ist dies kein Beweis für ein "vernünftiges" Verhalten von positiven Barebackern.

Denn auch sie leben riskant: "Es gibt Hinweise, daß durch eine Übertragung von resistenten HIV-Stämmen eine Art Zweitinfektion stattfinden kann", sagt Dr. Karl Meier, der seit vielen Jahren HIV-Patienten betreut. Und auch massive Medikamentenbehandlung und eine Viruslast unter der Nachweisgrenze bieten keinen absoluten Schutz, gibt er zu bedenken: "Jemand, der HIV+ ist und wirksam behandelt wird, kann sich mit einem gegen seine Medikamente resistenten Virenstamm infizieren und riskiert ein virologisches Versagen. Ein beschleunigtes Fortschreiten der Krankheit ist damit nicht auszuschließen und die Prognose des Betroffenen könnte sich theoretisch verschlechtern. Außerdem könnte er diese resistenten Viren weitergeben und eine regelrechte Spirale an Wiederinfektionen auslösen."

Gefährdet ist beim Barebacken zum größten Teil der passive Sexualpartner. Denn das Risiko des "Sperma Aufnehmenden" ist ungleich höher als das des "Spenders". Vielleicht sollten aktive positive Barebacker deshalb überlegen, ähnlich wie beim "safen" Blasen, zwar ohne Gummi zu ficken, aber aufs Abspritzen im anderen zu verzichten. Allerdings gibt es unter den passiven Barebackern viele, die genau das nicht wollen: "Gerade das Sperma im Arsch und Mund bringen mir den ultimativen Kick. Nur so bekomme ich einen wirklich totalen körperlichen und emotionalen Orgasmus", erzählt Kai M.*, 28, aus München. Kai hat seit zehn Jahren fast ausschließlich unsafen Sex und ist negativ geblieben: "Ich frage vorher nach dem HIV-Status eines Partners, und wenn er zugibt, positiv zu sein, dann mach ich's nur mit Gummi. Aber echte Glücksgefühle bringt mir safer Sex nicht. Ich kenne das Risiko, ich bin erwachsen, also kann ich tun, was mir gefällt. Rauchen ist auch gefährlich, führt ziemlich sicher zum Tod und ist weder verboten, noch wird man so dämlich angefeindet wie als Barebacker", argumentiert er.

Was ihn aufregt sind die Typen, die zwar mit Gummi vögeln, dann aber seelenruhig anderen in den Mund spritzen: "Da hat man dann echt das Gefühl, eine minderwertige Samenabladestation zu sein – mit vollem Risiko für mich und null für den anderen." Kim S., 25, aus Köln sieht das ganz anders: "Ich weiß, daß ich negativ bin, also wenn einer schlucken will, warum nicht?", argumentiert er. "Ich finde es dämlich, Positive zu diskriminieren, also keinen Sex mit ihnen zu haben. Wer als Barebacker nur einen Negativen sucht, sollte es besser bleiben lassen."

Bei Patrick C., 28, aus Hamburg liegt die Sache anders: Er ist positiv. Nach vielen Jahren der Auseinandersetzung mit der Krankheit, strikt praktiziertem safer Sex und der Aussicht auf ein qualvolles Sterben haben ihm die neuartigen und erfolgreichen AIDS-Medikamente neue Lebensperspektiven eröffnet. Das Sterben ist erstmal verschoben, jetzt will er genießen, und zwar ohne Gummi. "Ich hab' das Virus schon, also ist es mir egal, wenn ich es mit einem anderen Positiven treibe." Es sucht gezielt im Internet nach anderenBarebackern, mit denen er sich dann im Stundenhotel trifft. "Ich lasse mir nicht mehr vorschreiben, wie ich Sex haben soll. Ich verletze bewußt das Szene-Tabu. Mich reizt das Gefühl, etwas Verbotenes zu machen. Und schließlich gefährde ich niemand anderen, denn ich leg' die Karten immer gleich auf den Tisch."

Übersehen wird allerdings oft, daß beim Barebacken nicht nur HIV sondern auch andere Krankheiten wie Tripper, Syphilis und Viren, die z.B. zu hoch ansteckenden Kondylom-Warzen führen können, übertragen werden können. "Inzwischen registrieren sowohl Kliniken als auch niedergelassene Ärzte in bestimmten Gebieten immer wieder epidemieartig auftretende Syphilis-Infektionen", bestätigt Dr. Meier. Davon zeugt auch ein offener Aufruf in einer Bareback-E-Group: Vor allem sollen sich "Leute mit einem Plus beim HIV" auf Syphilis testen lassen, weil die Gefahr besteht, daß die Blutwerte sonst "wie eine Rakete in den Keller" gehen.

Und wie reagiert die Szene? Es wird geschwiegen, beziehungsweise aggressiv und verständnislos auf das Phänomen Barebacking reagiert: "Was gibt's denn da drüber schon zu reden. Jeder, der Barebacking betreibt, ist krank im Kopf und gehört entweder in die Klapse oder sonst wo hin. Zudem ist Barebacking zu 99% eher ein Ausdruck für 'ich bin positiv, macht dir doch nichts aus, oder?'. Einfach krank im Hirn, beziehungsweise das, was vom Hirn noch übrig geblieben ist, ist in den Schwanz gerutscht", war da beispielsweise zu hören.

Ganz sicher ist jedenfalls eines: Barebacker sind nicht dumm und die meisten handeln in ihrer Sichtweise "verantwortungsvoll". Wichtig scheint aber, daß verstärkt wieder über die Gefahren von HIV gesprochen wird. Und "daß besonders junge, unerfahrene und gutgläubige Schwule in der Szene geschützt werden, die in der Regel wesentlich schlechter mit einer Infektion umgehen können, als Ältere," fordert Dr. Meier. Das beste Mittel gegen AIDS ist eben trotz erfolgreicher Medikamente immer noch, sich nicht zu infizieren. Und dazu gehört auch, daß Barebacker Verantwortung für den jeweils Anderen übernehmen. Wie hieß doch gleich das Motto von Act-up? Ignorance = Death, Unwissenheit = Tod.

* Namen geändert

Timu Harrinn

SPIEL MIT DEM FEUER