Zum bevorstehenden Welt-AIDS-Tag am 1. Dezember machen die AIDS-Hilfen in ganz Deutschland wieder verstärkt ausmerksam auf dieses wichtige gesundheitliche Thema. Aus diesem Anlaß sprach Gegenpolredakteur Myrko mit dem leitenden Mitarbeiter bei der AIDS-Hilfe Chemnitz e.V. Joachim Bahr.

Gegenpol: In den vergangenen Monaten ist es in den Medien aber auch innerhalb der Szene erheblich leiser um das Thema HIV und AIDS geworden. Wieso eigentlich?

Joachim Bahr: Hier im mitteleuropäischen Raum ist AIDS nicht mehr so sichtbar, weil es aufgrund teils erfolgreicher Therapieansätze das herkömmliche Krankheitsbild des dahinsiechenden 'AIDS-Kranken' so nicht mehr gibt. Viele HIV-Infizierte und AIDS-Erkrankte leben heute in einer weit längeren relativ stabilen Phase als diejenigen der 80er und 90er Jahre. Auch ist die mit AIDS bisher einhergehende schleichende soziale Verelendung aufgrund der neuen Lebensperspektiven nicht mehr so relevant. AIDS hat sozusagen für viele sein abschreckendes Gesicht verloren. Trotz aller medizinischen Fortschritte wäre es aber ein verhängnisvoller Trugschluß, sagen zu wollen, AIDS sei heilbar.

Gegenpol: Viele reden nicht mehr nur über Barebacking, sondern verzichten bewußt auf den Schutz durch Kondome. Wie steht die Chemnitzer AIDS-Hilfe zu dieser Problematik?

Joachim Bahr: Barebacking im herkömmlichen Sinne, wie es HIV-Positive untereinander verstehen und unter Umständen auch tun, ist aus meiner Sicht hier in Chemnitz bisher nicht zum Thema geworden. Da gibt es aufgrund der glücklicherweise geringen Zahl an Positiven, mit denen wir in irgendeiner Weise Kontakt haben, zu wenig Background. Beziehend auf Frage und meine erste Antwort zieht allerdings auch hier in der "Szene" eine gewisse Gelassenheit ein, da AIDS nicht wahrnehmbar wird. Als AIDS-Hilfe dürfen wir nicht unsere Augen vor dieser "trügerischen Ruhe" schließen und gerade das meines Erachtens von einigen Medien erst in die Massen gebrachte Thema Barebacking aufgreifen und in einer vielleicht weiteren Form von Diskussion und Auseinandersetzung Präventionsarbeit neu beleben. Ohne Für und Wider muß man zunächst über all die Dinge, die mit Barebacking einhergehen, zum Beispiel das Infektionsrisiko oder sogenannte HIV-Superinfektion informieren und aufklären, um die Handlungskompetenz des Einzelnen zu erhöhen und dadurch eine bewußte, selbstbestimmte Entscheidung getroffen werden kann. Die Entscheidung für oder gegen Safer Sex kann und will die AIDS-Hilfe niemanden abnehmen. Ihr Bemühen muß darin liegen, vor einer womöglich fatalen Entscheidung genügend Möglichkeit zur Wissensvermittlung gegeben zu haben.

Gegenpol: Wie sieht die derzeitige Situation der Infektionen und Erkrankungen in Sachsen, insbesondere in Chemnitz aus.

Joachim Bahr: Wie Deutschlandweit gibt es auch bei uns einen weiteren, fast kontinuierlichen Anstieg an Neuinfektionen. Bei den AIDS-Erkrankungen könnte man fast von einer Stagnation sprechen, die aufgrund zeitigeren und erfolgversprechenderen Therapieansatzes begründet ist. Aktuelle Zahlen liegen uns leider erst ab Ende November für dieses Jahr vor. Hier müßte bei der Landesuntersuchungsanstalt Sachsens in Dresden recherchiert werden. Nach unserer Erkenntnis sind etwa 345 Personen in Sachsen HIV-Positiv gemeldet. Für den Chemnitzer Raum etwa 96 Personen.

Gegenpol: Worin seht Ihr die Aufgaben der AIDS-Hilfen in der Zukunft?

Joachim Bahr: Neben der Beratungs- und Betreuungsarbeit wird nach wie vor die Prävention im Vordergrund stehen. Und hier nicht nur unter dem Aspekt HIV und AIDS allein, sondern auch im Bereich von Hepatitis, wo zum Teil gleiche Infektionswege ausschlaggebend sind. Im zunehmenden Maße geht es aber demnächst auch um Lebenshilfe für Betroffene.

Wie schon erwähnt hat sich ja durch die hoffnungsvoll versprechenden modernen Kombinationstherapien die Lebensqualität und Lebensperspektive vieler Betroffener wesentlich erhöht und entsprechend geht es nun um zukunftssichernde Fragen wie z.B. Wiedereinstieg in den Arbeitsprozeß oder Integrierung in das gesellschaftliche Leben.

Gegenpol: Der Welt-AIDS-Tag steht am 1. Dezember wieder auf dem Programm. Mit welchen Aktionen oder Veranstaltungen werdet Ihr in Chemnitz an diesem Tag für Aufmerksamkeit sorgen?

Joachim Bahr: Um den Welt-AIDS-Tag herum läuft wieder unsere Red-Ribbon-Aktion mit Straßenspendensammlung. Als Sonderveranstaltungen zeigen wir im Metropol-Kino vom 29. November bis zum 1. Dezember den französischen Film 'Drôle de Felix'.

Eine Studentengruppe wird nach Erich Frieds Gedicht "Was es ist" ein Theaterstück inszenieren und an Gymnasien aufführen. Mit der Chemnitzer Lesben- und Schwuleninitiative e.V. (CheLSI) werden wir uns gemeinsam am 1. Dezember in einem Einkaufscenter mit einem Infostand präsentieren und dort nachmittags auf einer Bühne kleine thematische Sketche und Videoeinlagen zeigen.

Im 'Casablanca' ist am 1. Dezember ab 21 Uhr ein Benefizprogramm zugunsten der AIDS-Hilfe geplant, zu dem jedoch aufgrund noch keiner festen Zusage bestimmter Künstler zur Zeit noch nichts gesagt werden kann. Im Umfeld des Welt-AIDS-Tages werden zudem noch einige Präventionsveranstaltungen an Schulen und Gymnasien stattfinden. Zu all unseren Vorhaben hat der Oberbürgermeister unserer Stadt seine Schirmherrschaft zugesagt.

Gegenpol: Vielen Dank.

Interview mit der AIDS-Hilfe Chemnitz