Bummel durch Amsterdam

Eine der schwulsten Metropolen Europas ist Amsterdam, Hauptstadt der Niederlande. Reiseziel für viele und aus unterschiedlichen Gründen. Museen, Grachten, Coffeeshops und eine sehr offene schwule Szene. Lohnt sich deshalb die weite Fahrt aus der sächsischen Provinz oder ist alles nur Schein? Vielleicht helfen ein paar Tips für die Entscheidung pro oder contra.

Wie kommt man hin: Leider gibt es keine Direktflüge ab Dresden oder Leipzig, dafür aber eine durchgehende Nachtzugverbindung ab Dresden. Findest du ein paar Freunde für den gemeinsamen Kurztrip, ist die Anfahrt mit dem Auto eine Alternative. Allerdings gibt es in Amsterdam praktisch keine gebührenfreien Parkplätze, sondern die sind richtig teuer. Eine Stunde kann über 5 Gulden kosten und das auch in der Nacht!

Egal wie, irgendwann ist es geschafft, du bist mitten in der Stadt, um dich herum Hunderte von Menschen, mittendrin Straßenbahnen, enge Gassen; und ist zwischen alten Häusern mal ein paar Meter mehr Platz, liegt ein Kanal dazwischen. Das sind also die Amsterdamer Grachten. Ohne jede Absperrung zumeist, doch trotz des reichlich in der Stadt angebotenen Alkohols fällt selten jemand hinein. Erstaunlich.

"Solch ein Gewimmel möchte ich seh'n", meinte schon der alte Goethe im Osterspaziergang, bei der Quartiersuche könnte das allerdings zum Problem werden. Wenigstens an den Wochenenden ist eine vorab gebuchte Bleibe die bessere Wahl. Es gibt in Amsterdam sehr viele kleine Hotels, die für ihre Zimmerchen auch eine Menge Geld verlangen. Die Stadt ist leider so kommerziell, preiswerte Alternativen rar. Bietet ein Reisebüro das "Botel" an und ist der Preis für euch okay, sagt einfach ja. Es liegt sehr günstig nahe des Hauptbahnhofs, ist allerdings kein schwules Hotel. Das sind die im Spartacus aufgelisteten Hotels auch nicht alle, einige schon. Krassester Vertreter ist das "Black Tulip", zweite Heimat für den Ledermacker von Welt; alle Zimmer mit Sling und Andreaskreuz!

Jetzt noch einen schwulen Stadtplan besorgt und der erste Ausflug in die Szene kann beginnen. Zum Kennenlernen heißt das Ziel Reguliersdwarsstraat. Auf dem Weg dahin noch ein Bummel über den Blumenmarkt, der liegt genau parallel eine Gracht weiter und ist einer der Flohmärkte von Amsterdam. Es gibt noch mehr und so viel Ramsch, daß schon Themenmärkte abgehalten werden.

So schafft man es gerade zur Happy Hour um 6 ins "April", welches ab da schlagartig voll ist. Erst abends geöffnet und sehr beliebt ist das "Soho". Eingerichtet als englischer Pub über zwei Etagen, ist das Publikum eher trendy und wie überall in der Stadt sind alle Altersklassen vertreten.

Amsterdam und seine Lederszene, bloß keine Angst und selber austesten: Beste Zeit dafür ist der frühe Abend oder die erste Hälfte der Nacht, um eins wird geschlossen. Die meisten Lederbars gibt es in der Warmoestraat und sind jeden Tag der Woche voll. Dresscodepflicht gibt es normalerweise nicht. Leder, Rubber, Uniform steht da vereint neben Normalo-Outfit. Die Läden sind seit Jahren unverändert in Betrieb, entsprechend rustikal die Einrichtung. Jeans und T-Shirt sind schon deshalb eine gute Wahl. Klar sind einige Läden schon heftig, mein Tip geht in die andere Richtung. Einmal quer rüber über den Dam ist das "Web" bereits am Nachmittag offen. Spätestens ab 22 Uhr findet sich alles in "Cuckoo's Nest" ein, das ist auch nur 50 Meter weiter. Das erste Bier verlangen (Ein Muß, ohne diesen Eintritt können die freundlichen Kerle hinter dem Tresen sehr ungemütlich werden), Jacke an der Garderobe abgeben, dann das Publikum begucken.

Amsterdam ist voll von schwulen Touris, kein Problem, man ist selber einer; gleichzeitig sind die Niederlande Arbeitsort für Leute aus allen Weltgegenden. Deshalb findet sich in der Enge der Szenelokale, in Amsterdam ist alles immer eng und voll, ein internationales Publikum. Selbst wenn kaum Einheimische da sind, lebt in der Stadt der aufgeschlossene und offene Charakter der Niederländer. Mit anderen ins Gespräch zu kommen, ist da nicht schwer. Spannend, interessant, Englisch hilft weiter, ist aber nicht Bedingung. Typen anbaggern, anquatschen, sagt einer freundlich no, ist es auch okay: Hier kann schwule Szene richtig Spaß machen.

Das "Cuckoo's Nest" soll den größten Playroom der Stadt zu bieten haben. Egal ob das stimmt, es gibt dort passable Rückzugsmöglichkeiten, Licht! und geile Typen. Achtung nur bei Körpergröße über 1,80: Dieser Keller ist teilweise gefährlich niedrig. Peinlich wenn man sein Opfer mit Blicken fixiert hat und dann erst mal mächtig gegen den Deckenbalken knallt. Das war es dann oder der Anfang einer wunderbaren Begegnung.

Noch fit? Lust auf Disco? Gibt es auch. Zurück auf die Warmoestraat und ins "Cockring" Täglich offen, seid ihr für diesen Laden mit euren Jeans genau im richtigen Outfit. Auf zwei Etagen treffen sich die verschiedenen Altersklassen in guter Mischung. Es sind eigentlich sogar drei Stockwerke, in Amsterdam halten selbst die Discos für Notfälle einen Darkroom bereit. Etwas jünger wird es im "Exit". Angesagteste Location ist das "IT". Saturday Gays only. Party-Outfit gefordert und von den Türstehern gecheckt. Drin ist man umzingelt von gutaussehenden, schlanken, sportlichen, trainierten Boys und Männern. T-Shirts werden meist am Gürtel getragen. Nichts für depressive Menschen. Viel kommunikativer ist das "Trut". Nur Sonntags, leider sehr klein, deshalb ist die Tür nur bis Mitternacht offen. Eher weiblich dominiert ist das COC, Sonnabends haben da ausschließlich Frauen Zutritt.

Sich in dieser Stadt nur in der Sub herumzutreiben, wäre ein schwerer Fehler. Rejksmuseum, Rembrandthaus, van Gogh-Museum (!), sehen und gesehen werden beim Kaffee auf dem Rembrandtsplein, die Grachten lassen sich am besten mit einem gemieteten Fahrrad erkunden. Das geht auch mit einer Grachtenrundfahrt; aber die sind so schrecklich, zusammen mit deinen zum bitterbösen Ablästern aufgelegten Freunden ist es schon wieder gut.

Wegen des häufigen Mistwetters in der Stadt doch noch die Alternative Sauna: Die "Thermos Day" ist die angesagteste der Stadt, sehr groß, internationales Publikum, aber teuer. Nur bis zum Abend geöffnet, mit eigenem Restaurant, ist hier eher relaxte Atmosphäre.

Günstiger Ort für ein Resümee: Interessante Stadt, die Szene seit Jahren unverändert etabliert, damit sehr statisch. Gelegentlich eine Mega-(Fetisch)-Party, sonst jede Woche der gleiche Ablauf. Man kann es sich leisten, die Läden sind trotzdem voll. Die Betreiber haben ganz einfach Glück, das wichtigste und beste hier ist das Publikum. Das ist Klasse und die Reise wert. Steigt einfach ein, seid genauso offen und kommunikativ wie alle anderen in Amsterdam und bringt etwas von dieser Einstellung mit nach Hause zurück. Dann hat sich der Trip gelohnt.

Ralf

Amsterdam für Surfer
Für alle, die nicht zur Zeit nach Amsterdam fahren können, hier ein paar Links zum Stöbern, es sind auch ein paar nette Bildchen zu finden:

www.amsterdam-hotels-guide.com
www.it.nl
www.thermos.nl
www.gaykrant.nl
www.clubcockring.com
members.tripod.com/aprilandexit
www.blacktulip.nl
www.xs4all.nl/~vrolijk

Gays und Grachten