Provokante Aktion der AIDS-Hilfe zum CSD

Der diesjährige CSD ist noch in bester Erinnerung - in unserem CSD-Report im Juli-Heft berichteten wir ausführlich. Im Nachgang erreichte die Redaktion der folgende Leserbrief zur Aktion der Dresdner AIDS- Hilfe am Albertplatz:

Leserbrief

Ich habe Euren Artikel zum diesjährigen CSD in Dresden gelesen. Dabei fiel mir auf, daß Ihr nichts zu der seltsamen Aktion der AIDS-Hilfe am Albertplatz geschrieben habt. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen traten dort nämlich verkleidet als Ärzte und Ärztinnen auf und haben neben dem Ausschenken von Sekt auch jedem Besucher ein Tütchen mit bunten Tabletten in die Hand gedrückt. Die Verpackungen der Pillen waren mit komischen Sprüchen versehen, unter anderem mit "AIDS ist immer noch eine tödliche Krankheit". Ich finde das unmöglich, so auf sich aufmerksam machen zu wollen. Nach meinem Wissen gibt es mittlerweile etliche Medikamente auf dem Markt, mir denen man die Krankheit gut in den Griff bekommt. Wieso muß dann die AIDS-Hilfe solche Behauptungen unter die schwule Gemeinschaft streuen und die Schwulen verunsichern? Ich finde ein solches Verhalten deplaziert.

Außerdem hing an dem Wagen der AIDS-Hilfe ein Schild mit der Aufschrift "AIDS ist heilbar". Auch das finde ich ein unmögliches Verhalten. Für mich ist das eine Täuschung der Öffentlichkeit. Ich denke, die AIDS-Hilfe muß den Leuten, die positiv oder krank sind, helfen. Solche Aktionen sollen sie in Zukunft unterlassen. Vielleicht kann der Gegenpol dieses Thema aufgreifen und seinen Lesern dieses unmögliche Auftreten der AIDS-Hilfe zum CSD noch mal vor Augen führen. ...

Mit freundlichen Grüßen
Marc (Name von der Redaktion geändert)

Wir baten daraufhin die Initiatoren dieser Aktion von der AIDS-Hilfe Dresden e.V. um Aufklärung und weisen Euch schon mal auf unseren derzeit in Arbeit befindlichen Kondomtest hin, welchen wir Euch in einem der nächsten Hefte hilfreich zur Seite stellen möchten:

AIDS ist immer noch tödlich
Kommentar der AIDS-Hilfe Dresden e.V.

AIDS-Hilfe: Schwesternstation Erst einmal bedanken wir uns beim Verfasser des Leserbriefes für seine Rückmeldung. Offensichtlich hat unsere Aktion zum CSD 2001 (Titel "Schwesternstation") für einige Irritation und Aufregung gesorgt. Wir geben zu: Das war unsere Absicht!

AIDS und alle Medienberichte darum herum sind sehr irritierend geworden. Früher war klar, daß man mit einer HIV-Infektion nicht lange leben würde, vielleicht acht, vielleicht zehn Jahre, vielleicht auch etwas länger. Heute sieht das anders aus: Die Lebenserwartung und vor allem die Lebensqualität von Menschen mit HIV haben sich deutlich verbessert - dank besserer Medikamente. Aber - und hier liegt der Trugschluß - AIDS ist nach wie vor nicht heilbar. AIDS verläuft immer noch tödlich. Und: Wer einmal eine antiretrovirale Therapie beginnt, wird sie nach heutigem Stand der Dinge bis an sein Lebensende fortsetzen müssen. Bei durchschnittlich acht Pillen am Tag sind das über 20 Jahre gerechnet fast 60.000 Stück!

Für dieses Mehr an Jahren zahlen Menschen mit HIV ihren Preis. Es ist eben doch anders, als uns die schicke Werbung der Pharma-Konzerne einreden will. Die netten Jungs in diesen Annoncen nehmen zwar bunte Pillen ein, aber leider keine "Smarties", wie bei unserer Aktion. Darauf wollten wir aufmerksam machen. In der schwulen Szene stellt sich zunehmend eine Sorglosigkeit ein, die gefährlich werden kann. Junge schwule Männer, die nie jemanden mit HIV kennen gelernt haben, praktizieren ungeschützten Sex. "Bare Backing" ist der neue Trend. AIDS scheint ein Problem geworden zu sein, das sich mit guten Pillen bekämpfen läßt. Irrtum! AIDS ist nach wie vor tödlich. AIDS macht Angst und Menschen mit HIV erleben Diskriminierungen, die zum Himmel schreien! AIDS ist kein rein medizinisches Problem, denn es verändert das Leben der Betroffenen komplett. Manche verlieren ihren Partner, manche ihren Job. In jedem Fall kostet es eine Menge Kraft, das Ergebnis "HIV-positiv" zu bewältigen. Wenn es uns gelungen ist, darüber zum Nachdenken anzuregen, dann hat unsere Aktion ihr Ziel erreicht.

Matthias Schwager
AIDS-Hilfe Dresden e.V.

Schwesternstation