Lust und Last von Männerfreundschaften

Für manche treffen die Welten täglich aufeinander: Im Büro, im Sportverein, im Supermarkt. Jedenfalls scheinen es - bei oberflächlicher Betrachtung - wirklich Welten zu sein, die homo- und heterosexuelle Männer trennen. Zugegeben:

Heteros müssen sich rasieren. Das müssen Homos auch. Und manchmal, ja manchmal, verrichten wir sogar die gleichen Arbeiten, kaufen die gleichen Dosensuppen und haben den selben Zahnarzt. Was jedoch die Freizeitgestaltung, das Privatleben, angeht... Enge freundschaftliche Beziehungen zwischen homo- und heterosexuellen Männer werden häufig belächelt - wenn nicht sogar angezweifelt. "Heterosexuelle Männer haben Angst, von Schwulen angemacht zu werden", lautet die häufigste Erklärung seitens der Heteros, warum solche Freundschaften scheinbar nicht existieren. "Heteros haben in Wirklichkeit Angst vor sich selbst, vor ihrem eigenen Schwulsein", kontert die schwule Gemeinschaft zurück. Eine konkrete Auseinandersetzung mit dem Gegenpart scheint eher selten zu erfolgen.

Zugegeben: Den Couch-Potato-Hetero, der sich von "Muttern" bekochen lässt und das Sofa während der Sportsendung mit Holsten bekleckert, gibt es natürlich. Ebenso den feinfühlig-sensitiven Homo, der Vivaldi hört, Nietzsche liest, seinen Champagner nie bei Aldi kauft und mindestens acht Sexpartner in der Woche hat. Demgegenüber finden sich Schwule vom Bau, die Probleme mit dem Genitiv haben und heterosexuelle Männer, die Intimrasuren schätzen und deren Lieblings-Film Kubricks "2001" ist.

Und trotzdem gibt es sie: Schwule Männer, deren bester Freund hetero ist. Heteros, die sich lieber bei ihrem schwulen Arbeitskollegen ausweinen als bei ihren Kumpels aus dem Fußballverein. Natürlich haben auch diese Beziehungen mit Problemen zu kämpfen. Mit normalen und mit ganz speziellen.

Im Oktober '98 war Thomas ein nervliches Wrack. Gerade verlassen worden, wagte der 41-jährige Berliner wieder erste gesellschaftliche Gehversuche. Sein Weg führte ihn ins Ballhaus, zur Veranstaltung "Walzerlinksgestrickt". "Plötzlich fühlte ich mich beobachtet", erinnert sich Thomas. Gerade weil ihm seine Lage aussichtslos erschien, fand Thomas den Mut, den Fremden anzusprechen: "Ich fragte ihn, ob er mit mir tanzen würde und ob er führen wolle." Todd, so der Name des Fremden, wollte mit Thomas tanzen, und er hatte auch keine Probleme damit zu führen. "Während des Tanzens begann Todd, mir von seiner Freundin zu erzählen..." "Trotzdem hat es auf Anhieb prima geklappt", fällt Todd ins Wort. Der Homo und die Hete tanzten nicht nur an diesem Abend zusammen, sie besuchten später sogar den Kurs "Tango Argentino". Heute verbindet die beiden Männer eine feste, verlässliche Freundschaft. Ein Ergebnis, das mitunter auch ins Gegenteil gekehrt werden kann.

Beispiel Dominik und Kai: "Keine Ahnung, wann wir uns kennen gelernt haben", überlegt Dominik, "wir waren wohl noch keine zehn Jahre alt." Beide gingen noch in die Grundschule, Kindheit und Jugend verbrachte man gemeinsam als "gute Kumpel". Heute lebt Dominik allein in Berlin. Ohne Kai, der mittlerweile aus Dominiks Leben verschwunden ist. Der Grund, glaubt Dominik, liegt auf der Hand: Dominik ist schwul. Dabei hatte alles so schön begonnen. Damals, vor seinem Coming-Out. "Viele kleine Dinge verbanden uns, mit niemandem konnte ich so gut reden", erinnert sich der 24-jährige. "Wir hörten die gleiche Musik, hatten den gleichen Blödsinn im Kopf. Wir waren einfach immer zusammen." Dominik merkte nicht, dass er auf dem besten Wege war, sich in seinen Freund zu verlieben. Er genoss einfach: Jeden Blick von Kai, jede Berührung, jede Umarmung. Dann musste Kai zur Bundeswehr. "Ich musste die ganze Zeit an ihn denken, mir ging's tagelang schlecht", erzählt Dominik. "Dann, nach einer Woche, rief er an und sagte, dass er mich vermisst. Da gingen bei mir die Lampen an. Von da an wusste ich, dass ich nicht nur einen Jungen liebte, sondern meinen besten Freund." Eine Erkenntnis, die Dominik nicht nur schockte - sie machte ihm auch Angst. "Ich war total in Panik, Kai zu verlieren. Er merkte natürlich, dass etwas nicht stimmte und ich erzählte ihm, ich sei bisexuell, dass es aber nichts mit ihm zu tun hätte." Zwischen Kai und Dominik wuchsen die Spannungen. Jeder überflüssige Blick wurde vermieden, jede Berührung interpretiert, jeder Satz auf die Waagschale gelegt. "Ich schrieb ihm Briefe, in denen ich erklärte, was in mir vorgeht. Dann schrieb ich welche, die das Ganze relativieren sollten", sagt Dominik. Das schlimmste aber, sagt Dominik, war die Hoffnung. "Kai machte Andeutungen, die für mich so aussahen, als wollte er doch etwas von mir."

Heute lebt Dominik mit Michael zusammen. Kai ist nach Hamburg gegangen. Glücklich sei er, sagt Dominik. Und um eine Erkenntnis reicher: "Es war mein bester Freund, der mir ein neues Leben geschenkt hat."

Der Freundschaft zwischen dem 31-jährigen Daniel (homo) und Hauke (31, hetero) hat die unterschiedliche sexuelle Orientierung nichts anhaben können. "Ich hatte ein Scheißangst, Hauke zu sagen, dass ich schwul bin", erklärt Daniel, der als Grafiker in Wuppertal lebt. "Hauke war damals Berufssoldat, die Mega-Hete in einer Mega-Heten-Truppe. Wir kannten uns seit der fünften Klasse, aber wir hatten nie über Sex oder Sexualität gesprochen.

Es war nach einer Party bei mir, und wir waren beide ziemlich betrunken." Daniel brauchte mehrere Stunden, um sein "Geständnis" abzulegen. "Danach bin ich wortlos ins Bett gegangen. Hauke legte sich neben mich und sagte: 'Mach mal Platz, ich kann nicht mehr fahren'. Da wusste ich, alles ist gut." Hauke, der heute in Hamburg lebt, hatte redlich Mühe, die Homo/Hetero-Beziehung in seinem Umfeld zu emanzipieren: "Natürlich wurden beim Bund Schwulen-Witze gerissen. Manchmal habe ich mitgelacht, manchmal wurde es mir aber auch zu blöd und ich habe dann nur gesagt: 'Hey, mein bester Freund ist schwul.' Dann waren sie meistens ruhig." Später sattelte Hauke von Tornados auf Computer um. Doch selbst im neuen - vermeintlich liberaleren Umfeld - musste er seinen Kumpel verteidigen. Und nicht nur das: "In der Kantine musste ich nur das Glas oder die Zigarette falsch anfassen, schon haben mich meine Kollegen geärgert. 'Popo-Stecher' haben sie mich genannt", lacht der Netzwerktechniker.

Wenn sich Daniel und Hauke heute treffen, haben beide Spaß an vertauschten Rollen. "Den Abschied vom Heterosein, den viele mit ihrem Coming-Out zelebrieren, hab ich nie so ganz vollzogen", erklärt Daniel. "Klar, ich liebe Männer und habe Sex mit ihnen, aber wenn Hauke hier ist, oder andere Hetero-Freunde, geht's schon zünftig zu. Wir trinken literweise Bier, hören Musik aus unserer Jugend, spielen Computer-Spiele oder hauen mal so richtig auf die Kacke." Und manchmal gehen die beiden auch zusammen in die schwule Szene. "Dann ist Hauke ein bisschen schwul und verdreht allen den Kopf." Gelaufen allerdings - das versichern Daniel und Hauke - ist zwischen den beiden nie etwas. "Das wird auch nicht passieren", versichert Daniel. "Ersten stehen wir nicht aufeinander. Und zweitens würde das etwas ganz Wunderbares zerstören. Etwas, das Rollengrenzen einreißt und Freiheiten schafft."

Ähnlich erging es Michael und Robert. "Ich glaube, dass Robert vor meinem Coming-Out überhaupt nicht darüber nachgedacht hat, dass es Schwule gibt", überlegt Michael. "Zumindest nicht in seinem Freundeskreis." Auch Michael verliebte sich in seinen Hetero-Freund. "Anfangs habe ich schon etwas Angst vor Berührungen gehabt", erinnert sich Robert. Probleme, die es zu bewältigen galt, das war für Michael und Robert klar. Nach vielen Gesprächen konnten beide ihre Ängste überwinden. "Tja, das war eine ziemliche Bewährungsprobe für unsere Freundschaft. Aber wir haben es geschafft, einfach ganz normale Freunde zu sein", ist Michael froh. Heute wohnen die beiden in einer gemeinsamen Wohnung in Berlin. "Eigentlich ist es Robert egal, ob jemand schwul ist oder nicht." "Stimmt", bestätigt der, "mein Freund ist 'ne Schwuchtel." Und zuckt mit den Schultern.

Oliver Pries

Mein bester Freund ist hetero