"So ist es!"

"Sich vor dem Tod fürchten? NEIN!
Vor dem Leben? JA.
Das ist etwas anderes!"

Maria Magdalena von Losch, genannt: Marlene Dietrich.

Dieser Tage erlebte die kleine Theater-Komödie "So ist es!" von Luise Wilsdorf in der "Rosa Linde" in Leipzig ihre Uraufführung. Es spielten Mitglieder des Ensembles "PRIMA" und der Gruppe "HEU". Die Schauspielerinnen des Ensembles "PRIMA" sind sämtlich Leipziger Seniorinnen, die nach dem beruflichen Leben das Theater als Berufung erfahren. Hinter der Gruppe "HEU" stehen ebenfalls Theaterenthusiasten erster Wahl: Es sind junge Leute, die in Leipzig den unterschiedlichsten Tätigkeiten nachgehen, junge Männer und Frauen, die die Liebe zum Theater ebenso in Bann schlägt, wie die Liebe zum gleichen Geschlecht. Und sie könnten die Enkel der Seniorinnen von "PRIMA" sein.

Hier, in dieser kleinen Komödie, erlebt man nun tatsächlich eine Begegnung zwischen Großmutter und Enkel, welcher gesteht: "Oma, ich bin schwul!" Ohne große Umschweife geht es hier zur Sache. Jedermann weiß, daß eine Oma heute noch eine echte "Waffe" sein kann, wenn es darum geht, Familienverhältnisse zu regeln. Aber ist Omas Liebe Garant für jedes glückliche Geschick eines Menschenkindes? Ist uns klar, wer uns hilft, die Liebe zu bekommen, welche wir uns wünschen? Und wer Liebe hat, was kann der mehr wollen? Und was ist, wenn einer nicht lieben kann? Was ist, wenn man sich die Liebe verbietet? Nicht lieben zu können ist schlimm! Aber sich der Liebe zu verweigern, das ist grausam. Und was ist, wenn einer krank wird und sterben muß? Hilft Omas Rat auch hier? Diesen Fragen und ihren Antworten geht diese Komödie nach. Sie ist heiter und gelöst, sie ist frei von Düsternis und Dämonisierung. Sie ist liebevoll und lebensprall, sie ist schön und sie ist behutsam. Und sie ist verantwortungsvoll inszeniert!

Die Zuschauer erfahren hier ein leidenschaftliches Lebensbekenntnis von Jung und Alt. Ein Bekenntnis - nicht nur zur verschwenderisch schönen Jugend, sondern zum Leben an sich, und zur Liebe. Hier werden (selten genug im alltäglichen Leben!) Familienbande gefeiert. Hier tobt einmal nicht das Theater im Kopf, sondern hier macht das Leben selbst den Spagat zwischen Glück und Unglück. Diese mit viel Verve und Tempo geladene Theaterproduktion läßt uns nicht den heiteren, besinnlichen "Theaterschlaf" eines Kunstkenners genießen, welcher unberührt vorm "Guckkasten-Theater" vor sich hin träumen darf. Hier zuzuhören ist nicht nur angebracht, hier nicht zuzuhören könnte lebensgefährlich sein.

"So ist es!" ist ein Projekt der AIDS-Hilfe Leipzig e.V. und die Abkürzung "HEU" steht für "Homoerotische Union". Die jungen Leute selbst gaben sich diesen Titel. Die Autorin Luise Wilsdorf hatte die Idee, Omas Liebe und Rat neu zu entdecken. Da sie die beiden Theatergruppen führt, ergab es sich beinahe von selbst, daß "HEU" und "PRIMA" schließlich zusammengingen. Luise Wilsdorf, die dieses Projekt auf die "Beine" stellte und auch Regie führte, verband Leben und Liebe in einem: "Fürchte Dich nicht vor der Liebe!" Marlene Dietrich formulierte einst: "Vor dem Tod muß man sich nicht fürchten! Aber vor dem Leben? Ja, das ist etwas anderes!"

Diese kleine Komödie ist wie eine stille Botschaft in der Nacht: Seien wir einmal ehrlich! Scheuen wir uns nicht, dem Tod ins Auge zu sehen! Denn ein Recht auf Leben und Unversehrtheit gibt es wohl im Grundgesetz - aber eines kann auch das beste Grundgesetz nicht: Leben schenken, Liebe. Dieser Abend war ein Plädoyer für die Liebe, die im jungen wie im alten Fleische wohnt und die beide begehrlich sind, wie die Liebe und die kleine Komödie "So ist es!"

Jörn Friedrich Schinkel

Weitere Vorstellungen:
8. und 9. Februar 2002 - 19.30 Uhr
Rosa Linde Leipzig
Am Brühl 64/66

Theater in der RosaLine