Schwule Partnerschaften - Eine Utopie?

"Drum prüfe, wer sich ewig bindet ..." rät eine uralte Volksweisheit. Und auch oder gerade in der schwulen Welt scheint dieses Sprichwort auch heute noch Gültigkeit zu besitzen. Denn schwule Partnerschaften haben in der Regel ein deutlich kürzeres Ablaufdatum als das Hetero-Pendant und erreichen oft noch nicht einmal die 1-Jahres-Schallmauer. Von zahlreichen Ausnahmen abgesehen.

Die Frage ist, was schwule Männer überhaupt von einer Beziehung erwarten und welche Lebens- oder Partnerschaftsentwürfe sie für sich erwählt haben. Zwischen überzeugtem Singledasein und festen eheähnlichen Lebensgemeinschaften, gesetzlich realisiert durch das Rechtsinstitut der Eingetragenen Partnerschaft, gibt es zahlreiche Schattierungen, die jeder für sich selbst herausfinden muß. Im vergangenen Jahr sind weniger als 3000 Paare eine Eingetragene Partnerschaft eingegangen, der erwartete und vielbeschworene Run auf die Standesämter und Regierungspräsidien ist jedenfalls ausgeblieben.

Eine nicht repräsentative Befragung unter Gegenpol-Lesern zwischen 20 und 34 Jahren hat ergeben, daß nur ein sehr kleiner Teil (weniger als 15 Prozent) daran denkt, eine Partnerschaft eintragen zu lassen. Immerhin streben rund 65 Prozent feste Partnerschaft an, allerdings ohne "Trauschein". Eine Urkunde wird scheinbar nicht gebraucht, um gemeinsam zu leben, schließlich bürdet das Rechtsinstitut der Eingetragenen Lebenspartnerschaft Paaren vorwiegend Pflichten auf, während ihnen Rechte, wie beispielsweise Ehegattensplitting und andere steuerliche Vorteile, verwehrt bleiben. Immerhin suchen viele Schwule nach einer glücklichen festen Beziehung, die Worte Liebe und Treue spielen beispielsweise in zahlreichen Kontaktanzeigen eine große Rolle.

Doch Beziehungen im allgemeinen scheinen rasch eine eigene Dynamik zu besitzen: wenn die erste sexuelle Leidenschaft abflaut, dann beginnt oftmals das Schweigen und die Unmöglichkeit, die eigenen Gefühle gegenüber dem Partner zu artikulieren. Und während bei heterosexuellen Paaren sehr oft Kinder die Beziehungen zusammenhalten, wenn man sich sonst nichts mehr zu sagen hat, sind Schwule erheblich schneller zur Trennung bereit.

Neben der klassischen Zweierbeziehung spielen immer mehr auch alternative Partnerschaftskonzepte eine Rolle. Sicher können nicht alle Varianten hier aufgezählt werden, deswegen nur zwei Beispiele: viele Paare gestatten sich eine offene Beziehung mit gelegentlichen oder regelmäßigen "außerehelichen" sexuellen Abenteuern, die getrennt, aber auch gemeinsam erlebt werden. Das bringt zum einen vielleicht mehr Schwung ins partnerschaftliche Bett und man hat andererseits wieder ein neues Gesprächsthema. Aber auch Beziehungen mit mehr als zwei Partnern scheinen möglich zu sein, vielleicht ist für manchen die Dreiecksbeziehung eine Alternative, dem Beziehungsversagen zu entkommen.

Was aber tun, wenn man das Gefühl entwickelt, daß in der Partnerschaft etwas schief läuft. Diese Frage kann sicher nicht in diesem kurzen Artikel erschöpfend beantwortet werden, unzählige Ratgeber sind dazu in den verschiedensten Buchverlagen herausgegeben worden, nicht wenige Paartherapeuten verdienen sich an Partnerschaftsproblemen eine goldene Nase und bleiben doch oft erfolglos. An dieser Stelle nur ein Tip, der sich zugegebenermaßen profan anhört: rechtzeitig miteinander reden hilft, manche Problemchen gar nicht erst zu einem ernsten Problem werden zu lassen. Woher soll der Partner Wünsche oder Sorgen erkennen, wenn Man(n) sie ihm verschweigt. Das gilt auch für sexuelle Vorlieben und Bedürfnisse, die in der schwulen Szene oft gern plakatiert, in den Partnerschaften aber häufig nicht angesprochen werden.

Die Kunst, eine Beziehung zu führen, hängt davon ab, Kompromisse zu schließen, mit denen sich keiner der Partner als "Verlierer" fühlen muß. Offen anzusprechen, wie man sich die gemeinsame Zukunft vorstellt, ist ein erster und entscheidender Schritt. Dann klappt es vielleicht auch mit dem Partner.

Auch wenn in diesem Artikel ausschließlich über Schwule gesprochen worden ist, gibt es natürlich auch lesbische Beziehungen. Dabei scheint bei Lesben der Wunsch nach festen Partnerschaften zu dominieren. Die Zahl lesbischer Kontakte, die nur zum Zwecke sexueller Befriedigung eingegangen werden, ist eindeutig geringer als bei schwulen Männern. "Bedürfnisanstalten" für schnellen und anonymen Sex, wie schwule Saunen oder Cruisingparks, fehlen für Lesben fast gänzlich.

In der Aussage, Lesben würden nach der ersten Nacht schon das Zusammenziehen planen, scheint mehr als ein Körnchen Wahrheit zu liegen. Ob das auch tatsächlich so ist, können nur lesbische Frauen selbst berichten. Die Gegenpol Redaktion ist auf Eure (kontroversen?) Meinungen gespannt.

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