Gehüllt in schwarze Gewänder wandelten sie mit Totengräbermine durch die feiernde Menge beim diesjährigen CSD-Umzug in Dresden. Ihre Losung: "Gegen AIDS hilft nur Treue" provozierte und sorgte natürlich für ein geteiltes Echo. Die Aktion "Moralapostel" der AIDS-Hilfe Dresden e.V. sollte auch provokant und aufrüttelnd wirken. Gegenpol sprach mit dem leitenden Sozialpädagogen der AIDS-Hilfe Dresden e.V. Uwe Tüffers über Risiken und Nebenwirkungen der "Moralapostel".

Gegenpol: Die AIDS-Hilfe hat zum diesjährigen Christopher-Street-Day mit einer sehr eigenwilligen Aktion auf sich aufmerksam gemacht. Worum ging es da?

Uwe Tüffers: Unsere Aktion "Moralapostel" sollte mit Witz und Provokation die Themen Partnerschaft und HIV/AIDS in Beziehung setzen. Es ging eigentlich nicht um die "Homo-Ehe". Das war nur der aktuelle Aufhänger, um das Thema an die Frau und den Mann zu bringen. Auch die Proklamation von Treue sollte die Gedanken auf Beziehung und Partnerschaft lenken.

Gegenpol: Gab es einen Auslöser für diese Aktion?

Uwe Tüffers: Ja. Im Vorfeld haben wir die Erfahrung gemacht, daß schwule Männer oft nicht das notwendige Wissen haben, um sich ausreichend vor HIV zu schützen. Gerade in neuen Partnerschaften dominieren Gefühle von Verliebtsein, Vertrauen und vielleicht auch Unverletzbarkeit. Das ist ein toller Zustand, ohne Zweifel. Aber er kann gefährlich werden. Man hat insgesamt festgestellt, daß ein beachtlicher Teil von HIV-Neuinfektionen in festen Partnerschaften passieren. Das hat uns sehr zu denken gegeben.

Moralapostel Gegenpol: Wie kam Eure Aktion an?

Uwe Tüffers: Ich denke, wir haben für eine gewisse Aufmerksamkeit gesorgt. Unser schwarzes Outfit und die konfrontativen Botschaften haben sowohl Lachen als auch Unverständnis hervorgerufen. Ob das Thema, das nicht in einem Satz behandelt werden kann, angekommen ist, muß offen bleiben. Manche werden uns für intellektuelle Spinner halten. Tatsächlich wollen wir mit unseren Aktionen Themen angehen, die im Alltag der Menschen eine Bedeutung haben. Damit wir überhaupt wahrgenommen werden, ist ein gewisses Maß an Provokation nötig.

Gegenpol: Das klingt so, als ob Euch freiwillig niemand mehr zuhört?

Uwe Tüffers: Was schwule Männer angeht, trifft das zu. Diese Gruppe ist die am stärksten präventierte in Westeuropa und Nordamerika. Hier hat sich eine gewisse Präventionsmüdigkeit eingestellt. Die Männer sind häufig der Meinung, alles schon zu wissen, was bei der Masse an Informationen, die auf sie eingeströmt ist, nachvollziehbar ist. Herkömmliche Ansätze wie Infostände, Vorträge oder Streetwork funktionieren daher aus unserer Sicht schon lange nicht mehr. Es gilt, bei gezielten und immer wieder neu konzipierten Aktionen, Aufmerksamkeit herzustellen. Auch das Internet muß in Zukunft stärker als Präventionsmedium genutzt werden. Bei heterosexuellen Jugendlichen und Erwachsenen können wir diesen Trend noch nicht feststellen. Hier erleben wir nach wie vor ein großes Interesse am Thema HIV und AIDS.

Gegenpol: In letzter Zeit gibt es immer wieder Stimmen, die eine stärkere Präsenz der AIDS-Hilfe in der Dresdner schwulen Szene fordern?

Uwe Tüffers: Ja, das ist richtig und ich verstehe auch den Hintergrund. Zum einen wird die AIDS-Hilfe als zu 100% zuständig für die schwule Szene betrachtet. Das kommt daher, daß die AIDS-Hilfen häufig aus der schwulen Community erwachsen sind bzw. sehr viel Unterstützung von dort bekommen haben. Das Bild stimmt aber nicht mehr. Es gibt längst einen Mix aus Anspruchsgruppen gegenüber AIDS-Hilfen: Heterosexuelle Jugendliche und Erwachsene, Migrant/innen, Menschen im Justizvollzug und schwule Männer. Wir müssen jeder Gruppe mit ihren unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen gerecht werden, das ist nicht immer einfach. Ein anderer Aspekt ist das Finanzierungsmodell der AIDS-Hilfe Dresden. Wir müssen stärker als bisher Angebote für das Umland machen - zu ungunsten von Angeboten in Dresden.

Gegenpol: Kannst Du das genauer erklären?

Uwe Tüffers: In den letzten drei Jahren hat sich die Stadt Dresden immer stärker aus der Finanzierung der AIDS-Hilfe Dresden zurück gezogen. Nur noch 1,5 Fachkraftstellen werden anteilig von der Stadt gefördert, das entspricht 26% am Gesamthaushalt. Die entstehende Lücke hat das Land bisher geschlossen. Die Hälfte meiner Stelle wird daher über ein Projekt finanziert, bei dem ich überwiegend im Justizvollzug, also einer Einrichtung des Landes, tätig bin. Im nächsten Jahr stehen wir vor dem Problem, daß diese provisorische Lösung durch das Land nicht mehr getragen wird. Die Stadt muß sich hier deutlicher positionieren, wir suchen bereits das Gespräch mit den Verantwortlichen.

Gegenpol: Du hast vorhin von Migrant/innen gesprochen. Worum geht es bei dieser Gruppe?

Uwe Tüffers: Mittlerweile sind die Hälfte unserer HIV-positiven Klient/innen nicht deutscher Herkunft. Wir haben es oft mit Menschen zu tun, die einen Asylantrag gestellt haben und die kaum über Ressourcen (z.B. Geld, Wissen, soziale Kontakte) verfügen. Meist droht die Abschiebung bereits. Hier ist es unsere Aufgabe zu unterstützen, um eine eventuell lebensbedrohende Abschiebung zu verhindern.

Außerdem leiten wir die Arbeitsgruppe "Dolmetscher-Pool", einem Zusammenschluß von Einrichtungen, die im Bereich "Migration" tätig sind. Diese Vernetzung ist wichtig, um effizient und mit den nötigen Kompetenzen aus den Bereichen HIV/AIDS und Ausländerrecht helfen zu können.

Gegenpol: Seid Ihr eigentlich im Internet präsent?

Uwe Tüffers: Ja, wir haben seit mehreren Jahren eine Website. Diese ist jetzt unter www.aidshilfe-dresden.de erreichbar und wird ständig von einem ehren- und einem hauptamtlichen Mitarbeiter gepflegt. Ein Besuch lohnt sich, wir informieren z.B. auch ausführlich über Hepatitis, ein Thema, das zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Gegenpol: Sexuell übertragbare Krankheiten als Stichwort. Was sollte man da wissen?

Uwe Tüffers: Das ist ein Thema, das bislang im Schatten von HIV und AIDS stand. Aber, es gibt Infektionskrankheiten, die ähnlich schwerwiegend wie HIV verlaufen können, z.B. Hepatitis B. Die Übertragungswege ähneln teilweise denen von HIV, teilweise auch nicht. Gegen Hepatitis A und B gibt es Impfungen, die bei schwulen Männern von den Krankenkassen übernommen werden. Dazu und zu weiteren sexuell übertragbaren Krankheiten (z.B. Syphillis, Tripper) informieren wir. Fakt ist, diese Infektionskrankheiten nehmen momentan zu. Gerade für schwule Männer bieten wir hier Beratung und Broschüren an.

Gegenpol: Danke für das Gespräch und alles Gute für Eure weitere Arbeit.

AIDS-Hilfe Dresden e.V.
Bischofsweg 46, 01099 Dresden
Tel.: +49 351 4416142
Fax: +49 351 8044490
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http://www.aidshilfe-dresden.de

Gegen AIDS hilft nur Treue!