Über Ex-Gays und ihre Väter

Man kann ja eigentlich nur immer wieder lobend erwähnen, daß sich in den letzten Jahren vieles zum Positiven für Schwule und Lesben gewandelt hat. Doch das ist kein Grund, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Schließlich erfahren wir auch regelmäßig von Äußerungen und Standpunkten, denen es offensichtlich an der nötigen Toleranz mangelt.

Beispielsweise die Predigt der Kraftwerksgemeinde am 9. Juni 2002 in der ehemaligen Munitionsfabrik im Dresdner Industriegelände. Zündstoff genug gab es bei dem Thema der Predigt: "Liebe, Sexualität und Partnerschaft". Etwa 70 Zuhörer lauschten den Bekehrungen.

Für Heterosexuelle gelten demnach nämlich folgende Verbote: Kein Sex vor der Ehe, keine Pornohefte für Verheiratete und Verhütung (und damit Schutz vor AIDS) ist ausschließlich Ehepaaren erlaubt.

Ganz klar, daß Homosexuelle nach solchen Äußerungen nicht besser wegkommen. Schier unglaublich, was ein mit geistigen Scheuklappen bewaffneter Pfarrer von sich gab: Schwule hätten einen zu strengen oder zu weichen Vater und würden sich ausschließlich in heterosexuelle Männer verlieben, um sich dort die Männlichkeit zu holen, die sie selbst in sich vermissen. Lesben dagegen seien alle sexuell mißbraucht worden und würden ausnahmslos unter traumatischen Erfahrungen mit Männern leiden.

Wer glaubt, daß heute zumindest junge Menschen zur Toleranz gegenüber Homosexuellen erzogen werden, sollte sich folgenden verbalen Sondermüll eines Sozialarbeiters für Kinder- und Jugendarbeit mal auf der Zunge zergehen lassen: "Im Mittelalter gab es eben Pest und Cholera und heute Homosexualität und AIDS".

Trotz aller Wut kann man den Kirchen nicht generell Intoleranz vorwerfen. Arbeitsgemeinschaften wie "Homosexuelle und Kirche" (HUK) und "Lesben und Kirche" (LUK) leisten Aufklärungsarbeit und setzen sich mit Problemen wie "Bibel und Homosexualität" auseinander. Letzteres ist übrigens Titel einer interessanten Publikation zu diesem oft diskutiertem Thema. Allerdings offenbart die Broschüre "HUK-Info" auch dramatische Entwicklungen. Nachdem es in den USA schon seit 20 Jahren eine "Ex-Gay"-Bewegung evangelischer Fundamentalisten gibt, entstand nun auch in Deutschland eine ähnliche Gruppe. In Baden Württemberg gibt es seit Anfang 2000 die Organisation "Wüstenstrom e.V.", welche sich tatsächlich mit Therapien u.a. für Homosexuelle beschäftigt. Hier werden wirklich Schwule und Lesben zu "normalen" Menschen umgepolt, versuchsweise. Ehemalige Kursteilnehmer berichten von sektenähnlicher Gehirnwäsche, psychischem Druck und modernem Exorzismus.

Bei manchen Menschen wird es offenbar noch recht lange dauern, bis ein Lesbisch- oder Schwulsein eines anderen Menschen als selbstverständlich gilt. Solchen Menschen scheint nicht bewußt zu sein, daß sie selbst die eigentliche Gefahr darstellen. Es gibt genug Betroffene, die den Vorwurf unnatürlich und unerwünscht zu sein nicht so einfach verarbeiten können. Die psychischen Folgen reichen manchmal bis zum Selbstmordversuch.

sfx

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