Ein Fallbeispiel - hohe Dunkelziffer

Am Pfingstwochenende erhielt die Gegenpol-Redaktion Kenntnis über einen Fall antischwuler Gewalt, der sich bereits am 18. Mai in einem kleinen Dorf bei Meißen ereignete. Eine Bekannte des Betroffen hatte in der Redaktion angerufen, um Informationen über ein schwules Überfalltelefon zu erhalten. Dabei schilderte sie uns den Vorfall ebenfalls. Mit Einverständnis des Opfers möchte Gegenpol diesen Fall hier veröffentlichen, denn er zeigt, daß Schwule und Lesben von gesellschaftlicher Akzeptanz noch weit entfernt sind.

Der Fall

Am 18. Mai war K. (Name von der Redaktion geändert) mit seinem Hund in Niederau bei Meißen unterwegs. In seinem Ort lebt er offen als Schwuler und demonstriert das auch durch seine Kleidung nach außen. Gegen 18 Uhr kam K. am örtliche Getränkeladen vorbei und mußte sich dort von einem der Anwesenden verbale Beleidigungen wie "Du schwule Sau" und ähnliches gefallen lassen. K. ließ sich nach seinen Angaben nicht provozieren und lief weiter. Der andere folgte K. mit seinem Fahrrad und auf weitere Beleidigungen folgten Faustschläge, die K. trotz Gegenwehr zu Fall brachten. Dabei stürzte er auf den Kopf und zog sich mehrer Schürfwunden zu. Der Angreifer fuhr mit dem Fahrrad weg. Auch die Umstehenden halfen nicht. Letztendlich mußte der Betroffene wegen einer Gehirnerschütterung stationär im Krankenhaus Meißen behandelt werden.

K. brachte den Fall bei der Polizei zur Anzeige, wobei explizit der antischwule Aspekt der Gewalttat erwähnt und aktenkundig aufgenommen wurde. Informiert wurde ebenfalls das schwule Überfalltelefon in Berlin. In Dresden gibt es derzeit kein solches Beratungsangebot, in Leipzig und Halle ist dieses Telefon nur dienstags bzw. mittwochs zu erreichen.

Informationen, ob der Täter von der Polizei ermittelt werden konnte, liegen der Redaktion bislang nicht vor.

Ein Einzelfall?

Leider nicht, wie der Jahresbericht des Schwulen Überfalltelefons Berlin (SÜB) für 2001 ausweist, welches im vergangenen Jahr in mehr als 200 Gewaltfällen tätig geworden ist. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Das SÜB schätzt den Anteil nichtangezeigter Gewalttaten auf über 80 Prozent! Hierzu zählen nicht nur strafrechtlich relevante Beleidigungen und Bedrohungen, wie beispielsweise "schwule Sau", sondern auch körperliche Angriffe mit Verletzungsfolgen für das Opfer. Die Hemmschwelle, bei der Polizei den antischwulen/lesbischen Aspekt der erfahrenen Gewalt anzugeben, ist bei vielen Betroffenen sehr hoch, so daß der Hintergrund der Straftat oftmals verschwiegen wird oder die Tat überhaupt nicht angezeigt wird. Die Anzeige bei der Polizei gleicht oftmals einem zweiten Spießrutenlauf des Opfers, denn bei der Polizei fehlen meist geschulte Ansprechpartner, die sensibel und kompetent auf homosexuelle Gewaltopfer eingehen können.

Außerdem begegnen auch manche Polizisten Lesben und Schwulen nicht gerade vorurteilsfrei.

Weiter Weg zur Toleranz

Gewalt gegen Homosexuelle, sei es unterschwellige Diskriminierung, verbale oder gar körperliche Attacken, sind wohl leider immer noch an der Tagesordnung. Von Akzeptanz und vollständiger Integration in die Gesellschaft sind Lesben und Schwule leider immer noch weit entfernt, trotz des derzeitigen leichten "rosa Frühlings" in der Politik. Aber die Homo-Ehe ist eben nicht alles. So ist es sicher auch weiterhin notwendig, daß Schwule und Lesben für ihre Interessen und mehr Toleranz demonstrieren. Und das nicht nur einmal im Jahr zum CSD!

Dazu gehört auch, Solidarität untereinander zu zeigen und nicht einfach wegzusehen oder wegzulaufen, wenn eine andere Lesbe oder ein anderer Schwuler in Problemen steckt.

Das Überfalltelefon

Das Schwule Überfalltelefon ist ein kostenloses Beratungsangebot für homosexuelle Gewaltopfer, welches in verschiedenen größeren Städten von Vereinen angeboten werden.

In Leipzig ist das Überfalltelefon unter dem Dach der RosaLinde angesiedelt und mittwochs von 19-22 Uhr unter der Telefonnummer 0341-19228 erreichbar. Dort können Opfer, Angehörige oder Zeugen qualifizierte Gesprächspartner finden, die in der Notsituation weiterhelfen. Bei Bedarf begleiten Euch die Mitarbeiter auch zur Polizei und geben so ein wenig mehr Rückendeckung.

Das Überfalltelefon behandelt alle Angelegenheiten natürlich vertraulich. In Dresden gibt es das Überfalltelefon leider nicht. Auch einen speziellen Ansprechpartner bei der Polizei in Dresden wird man vergeblich suchen. Täglich zu erreichen ist das Schwule Überfalltelefon in Berlin, hier findet man zwischen 17 und 19 Uhr unter der Rufnummer 030-2163336 einen kompetenten Ansprechpartner. Hilfe + Beratung bei Gewalt gegen Schwule:

Schwules Überfalltelefon Leipzig
0341 - 19 228
Mi 19-22 Uhr

Schwules Überfalltelefon Berlin
030 - 21 63 336
tgl. 17-19 Uhr

Antihomosexuelle Gewalt