Leserinnenbrief zum Artikel "Beziehungsweise" Heft 06/2002, S. 14

Das Bild vom lebenslänglich monogamen, symbiotischen lesbischen Heimchen am Herd geistert durch die Medien, aber entspricht es auch der Wirklichkeit? Ist vielleicht die Sprachlosigkeit, erzeugt durch die heterosexuelle Dominanzkultur, schuld an diesem Klischee? Liebesbeziehungen mit getrennten Haushalten und/oder Freundinnenkreisen, Lebensabschnittsgefährtinnen, serielle Monogamie, One-Night-Stand, Haupt- und Nebenbeziehung, Affäre nebenher, Seitensprung, heimliches Verhältnis, all das soll unter Lesben schon gesehen worden sein. (Quelle: Unser Stück vom Kuchen, Querverlag Berlin 2000). Nur die lesbischen Darkrooms habe ich bisher nur gähnend leer erlebt.

Nicht zuletzt war es ein Schwuler, der sich im letzten Jahr gegen die CSD-Forderung nach rechtlicher Gleichstellung polygamer Beziehungen mit monogamen aussprach, während Lesben bzw. Transgender mit Fürsprache bzw. Enthaltung antworteten. Wem nützt also dieses Klischee von den monogamen Lesben? In einer geschlossenen Paarbeziehung zwischen zwei Lesben müssen alle Bedürfnisse, Erwartungen und Wünsche von einer einzigen Frau erfüllt werden. Wo ist das Superweib, das das kann? Vor allem in Beziehungen mit traumatisierten Menschen dürfte dies schwer fallen, wovon in Friedenszeiten mehr Lesben als Schwule betroffen sein dürften.

In einer offenen Beziehung dagegen kann frau von einer anderen erhalten, was sie von der einen nicht bekommt. Das kann auf emotionaler, körperlicher, sexueller Ebene oder einfach im Freizeitbereich geschehen. Liebe ist ein Geschenk, d.h., daß daran keine Bedingungen geknüpft werden können wie in einem Tauschgeschäft (z.B. einen Orgasmus gegen 2 mal Abwaschen oder so und so viel % Steuerersparnis). Offene Beziehungen können zur Selbständigkeit beitragen, indem die Partnerin für die Bewältigung ihrer Probleme geeignete Bezugspersonen suchen muß, wohingegen in monogamen Paarbeziehungen die Abhängigkeit von einem einzelnen Menschen gefördert wird.

Ein Nach-außen-Gehen wird oft als Bedrohung oder Untreue wahrgenommen. Woher weiß mensch, daß er in seinem Leben nie wieder andere Menschen begehren wird? Dies zu versprechen, ist meines Erachtens ein dem Mißbrauch ähnliches Verhalten. Die schönste Erfüllung jedoch kann es sein, wenn zwei Geliebte wiederum selbst Freundinnen oder gar Geliebte werden. Die Geliebte der Geliebten kann befriedigen, was die eine nicht vermag und kann so die Geliebte noch glücklicher machen. Und das will ich doch, wenn ich liebe, oder nicht? Soll eine Frau dauerhaft auf etwas verzichten müssen, nur weil ihre Geliebte es nicht mag oder sollte letztere sich zu etwas zwingen, was sie verabscheut, nur um dieser einen Gefallen zu tun? Kann Lesbe so glücklich werden?

Gerade Kinder sind oft Opfer ihrer monogamiefixierten Eltern, derer Eifersucht, Konkurrenzdenken und an Bedingungen geknüpfte Liebe, vor allem, wenn sie lieber mit der Ex oder der Affäre verkehren als mit den Erzeugern. Daher bekommen sie freie Liebe früh als krank und kompliziert vermittelt, werden in ihrer Würde verletzt und ihrer Authentizität verbogen. Aber es kommt sicherlich nicht von ungefähr, daß Kinder lesbischer Eltern einer Studie gemäß besser über ihre Gefühle reden können als Kinder Heterosexueller. Ich wünsche mir von meinem Mitmenschen, von den Medien, von der Politik, von Gleichstellungsbeauftragten und nicht zuletzt von öffentlich geförderten Vereinen einen aufmerksamen Umgang und einen wacheren Blick für die Vielfältigkeit unserer Lebensweisen und eine kritischere Sicht auf vermeintliche Normalität.

Sylvia.

Zum Weiterlesen:
Roy Rempt: "Offene Beziehungen - freie Liebe"
in GrünDerZeit, Maerz 2002

Lesben halten ihre Liebsten lebenslänglich in Kisten?