In der Juni-Ausgabe wiesen wir auf einige interessante Veranstaltungen des Leipziger schwul-lesbischen Vereins RosaLinde hin, der kürzlich den ersten Jahrestag im neuen Domizil in der Leipzier Innenstadt feierte. Anläßlich dieses kleinen Jubiläums sprach Gegenpol mit dem Vorstandsmitglied Susanne Grassmann:

Gegenpol: Seit etwas mehr als einem Jahr ist die RosaLinde nun in der Leipziger Innenstadt in ihrem neuen Domizil zu finden. Wie stellt sich das vergangene Jahr für den Verein dar?

Susanne: Der Umzug in die Stadt war ein voller Erfolg. RosaLinde Leipzig e.V. lebt. Das bunte Vereinsleben und seine ständige Weiterentwicklung wird im monatlichen Programm sichtbar. Der Verein hat neue Mitglieder und ehrenamtliche Helfer gewonnen, der Frauenanteil ist gestiegen und das Durchschnittsalter gesunken. RosaLinde hat Fuß gefaßt. RosaLinde ist schwullesbische Community! Den Vereinsbetrieb besorgen fast ausschließlich ehrenamtliche HelferInnen. Das Engagement und Herzblut ist den Veranstaltungen anzumerken. Das ist der besondere Flair von RosaLinde.

Nun zu den weniger schönen News: Unsere einzige Personalstelle lief zum 1. Juni 2002 aus. Schuld daran ist die Zahlungsverweigerung des Leipziger Kulturamtes, das es 2002 nicht für nötig hält nur einen einzigen Cent für schwul-lesbische Kulturarbeit auszugeben. Wir rechnen und recherchieren derzeit, ob und wie eine Teilzeitstelle für RosaLinde umsetzbar ist.

Gegenpol: Wie haben die Gäste die neue RosaLinde angenommen?

Susanne: Super! Das ist das Feedback aus Gesprächen, dem Gästebuch und Emails. Die RosaLinde Community wächst aus ihren Gästen. Der eine oder andere Gast hat Anteil an dem, was RosaLinde ist. Auf diese Weise ist zum Beispiel der Schachtreff am Donnerstag entstanden.

Aber auch die Besucherzahlen sprechen für sich. Das Haus ist voll. Donnerstags zum Film und mittwochs zum Treffen von Hochschwul oder der Gruppe Intim, samstags zum ChillOut, zum Theater, zum SisterAct, zur LastNight am letzten Samstag im Monat. Aber auch zu Sonderveranstaltungen wie der lesbischwulen Büchernacht, der Wavegothik Party zu Pfingsten, dem Volleyballturnier Ende Mai und den FritzGay Parties.

Gegenpol: Im Vergleich zur alten RosaLinde fällt auf, daß weniger kulturelle Veranstaltungen, wie Kabarett, Shows oder ähnliches im Programmkalender zu finden sind, woran liegt das?

Susanne: Wir haben weniger Geld zur Verfügung - das Kulturamt hat RosaLinde bisher immer unterstützt. Damit war es möglich hochkarätige Künstler oder Shows zu engagieren, ohne den Eintrittspreis unerschwinglich zu machen. RosaLinde hat dazugezahlt und das nicht in geringen Summen. Dazu haben wir die Mittel nicht mehr! Beschwerden bitte an das Leipziger Kulturamt! Es gibt nur wenige Künstler die ohne Gage auftreten. Aber es gibt sie.

RosaLinde will auch eine Kulturplattform jenseits des Mainstream sein! Kleinkunst und Szenekultur statt Kommerz: Theater, Lesungen, Performances, Ausstellungen...

Ein Blick auf die Kultur im vergangenen Jahr zeigt, daß einiges möglich ist, Tendenz für die Zukunft steigend! Büchernacht, WIWA, Meigl Hoffmann, Theatergruppe H.E.U., Theatergruppe prima, Ausstellung Bela Doron, unser Filmangebot....

Gegenpol: In den vergangenen Jahren ist das Leben für Schwule und Lesben etwas einfacher geworden, die öffentliche Diskriminierung Homosexueller hat abgenommen, viele Jugendliche haben weniger Probleme mit ihrem Coming Out. Worin seht Ihr künftig die Aufgaben lesbisch-schwuler Vereine oder anderer Interessenvertretungen, wie es die RosaLinde ist?

Susanne: Das stimmt so nicht. Die Diskriminierung von Homosexuellen ist vielleicht weniger auffällig, bei genauer Betrachtung aber immer noch vorhanden. Das Diskriminierung subjektiv weniger stark erlebt wird, können zum Beispiel auch neue Lebenskonzepte oder Beziehungen bewirken - Es ist nach wie vor nicht üblich, seinen Freund an der Hand zu halten - vielleicht ist es aber auch in Heterobeziehungen weniger üblich als vor ein paar Jahren? Richtig ist, daß man als homosexuelles Paar gemeinsam ADAC Mitglied werden kann oder Versicherungen abschließen.

Dennoch: Diskriminierung ist überall zu finden. Eine der größten Frechheiten überhaupt ist die Verpartnerung - allgemein in ihrer Stellung zur Ehe - und die sächsische Durchführung in den Regierungspräsidien, obwohl die zuständigen Standesämter alle erforderlichen Formalitäten bearbeiten. Das Coming out ist vor allem ein innerer Prozeß, indem sich jeder aktiv mit seiner Sozialisierung, mit Rollenbildern, Sexualität und Beziehungen auseinandersetzt. In diesem Prozeß tauchen immer wieder Konflikte auf, die in der kulturellen Gebundenheit des Menschen begründet sind. Dann rauszugehen und zu sagen "ich bin lesbisch" oder "ich bin schwul" geht nur gut, wenn es eine Kultur oder Subkultur gibt, die eine Basis dafür schafft.

Genau in diesem Bauen und Leben einer Subkultur jenseits der Heterosexualität sehe ich die Aufgabe von Schwullesbischen Vereinen. Wir schaffen uns durch unsere Lebensweisen, in unserer Vielfalt nicht nur als Schwule und Lesben, ein Selbstbild, bauen eine Kultur. Wie dieses Selbstbild aussieht, wie viele individuelle Unterschiede die Szene als Subkultur verkraftet, liegt in den Händen von schwul-lesbischen Vereinen. Etwas abseits von rein finanziellen Interessen wollen wir Möglichkeiten für alle geben, die sich neben dem gesellschaftliche Heterosexismus entfalten wollen, sichtbar sein wollen, sie selbst sein wollen.

Gegenpol: Der CSD in Sachsen scheint in diesem Jahr eher eine Dresdner Veranstaltung als denn ein überregionales Ereignis zu sein, woran scheitert Eurer Meinung nach eine gesamtsächsische Zusammenarbeit, oder wie könnte man diese verbessern und offener gestalten?

Susanne: Nicht zu verachten, und auch für unsere Entscheidung gegen den CSD ausschlaggebend, ist die finanzielle Belastung als Mitveranstalter.

Was die Beteiligung der Massen angeht, ist der Juni schlicht und einfach überfrachtet mit CSDs. Die Parties finden in Berlin und Köln statt, politische Veranstaltungen erfreuen sich keines so superregen Interesses. Es muß ein spannendes Konzept her, das die Schwulen und Lesben der Region auf die Straße holt. Ob das ein CSD sein muß??? Ich meine 68 ist lange genug her; und die Sympathiebekundungen für die US-amerikanische Schwulenbewegung im Weltmaßstab gesehen nicht mehr nötig. Es gibt viele Gründe, sich in der Szene zu feiern und damit sichtbar zu machen und auch politische Ansprüche öffentlich zu machen. Ich bin kein Fan vom CSD.

Gegenpol: Zum Abschluß ein Ausblick auf das kommende Jahr, was dürfen Leipziger und Gäste von der RosaLinde erwarten?

Susanne: Im November wird RosaLinde 15 Jahre alt!!! Freut Euch jetzt schon mal auf die nächsten 15 Jahre und laßt euch einfach überraschen! Für Partyhungrige wird der letzte Samstag im Monat der Termin sein. Wie gesagt, es gibt viele Gründe sich zu feiern, jeden Monat einen: LastNight!!!!!!!!!

Gegenpol: Vielen Dank!

szene interview mit der rosa linde