Beleidigungen und Diskriminierung

Die Phrasen "Schwule Sau", "Schwuchtel" oder "Kesser Vater" dürften die meisten Leser und Leserinnen sicher schon ein oder mehrere Male gehört haben. Einige dieser Schimpfwörter werden oft schon von Kindergartenkindern benutzt, um andere, vermeintlich Schwächere, zu beleidigen und aus der Gruppe auszuschließen. Die wahre Bedeutung der Worte kennen die wenigsten der Kinder, schließlich redet man zuhause nicht darüber. Erst später lernt man, was unter Schwul- oder Lesbischsein zu verstehen ist, und diese Worte werden dann schon eher als gezielte Beleidigungen eingesetzt. Beleidigungen von Lesben oder Schwulen kommen leider immer noch tagtäglich vor und sind auch ein Zeichen dafür, daß Homosexuelle bei vielen noch immer nicht akzeptiert sind und oft sogar als krank oder widerwärtig angesehen werden.

Beleidigungen oder andere verbale Angriffe sind eine Form von Diskriminierung und antihomosexueller Gewalt. Zwei aktuelle Fälle aus Dresden liegen unserer Redaktion vor: Einem Gegenpol-Leser (Name der Redaktion bekannt) wurde, wie er uns in seinem Brief mitteilte, der noch aus der Nazizeit stammende Schwulenparagraph 175 zugerufen, mit dem Nachsatz, das sei "Unzucht mit Tieren". Die Tat wurde zur Anzeige gebracht. Obwohl der Täter bekannt war, lehnte die Staatsanwaltschaft Dresden "mangels öffentlichen Interesses" eine Strafverfolgung ab. Zur Begründung wurde ausgeführt, daß es sich hierbei um einen reinen Privatklagedelikt handeln würde, weil der "Rechtsfrieden über den Lebenskreis des Verletzten hinaus nicht gestört ist und die Strafverfolgung kein gegenwärtiges Anliegen der Allgemeinheit darstellt" (Auszüge aus der Abweisung der Strafanzeige durch die Staatsanwaltschaft). Ein zweiter Fall ereignete sich im Februar in der Alten Mensa der TU Dresden. Mehrere Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaft SchLaU (Schwule und Lesben an der Uni) wurden beim Verteilen von Informationsmaterial und Flyern zu Veranstaltungen der Gruppe von einem etwa 50 Jahre alten Mann mit Worten attackiert: "Ich sollte meine Brautschau woanders machen, und ich wäre krank - das waren noch die freundlichsten Worte dieses Mensabesuchers" so SchLaU Mitarbeiter Michael Brade über den Vorfall, "ich fühlte mich wie im falschen Film! Ich dachte, daß gerade an einer Einrichtung wie der Universität mehr Toleranz vorhanden sei. Das macht aber deutlich, wie notwendig SchLaU ist."

Dies sind nur zwei Fälle, die wirklichen Zahlen dürften aber weit höher liegen. Schließlich kommen Beleidigungen oder verbale Entgleisungen aufgrund ihrer vermeintliche Belanglosigkeit kaum zur Anzeige. Viele ignorieren oder verdrängen diese Form der Diskriminierung. Schließlich wird man nicht direkt körperlich verletzt, doch auch Worte können wie Pfeilspitzen treffen und manchmal auch länger schmerzen als Schläge. Die Frage ist also, wie man sich in einem solchen Fall verhalten sollte. Ignorieren oder anzeigen? Dieses Problem kann man an dieser Stelle nicht eindeutig beantworten, jeder muß selbst entscheiden, inwiefern er oder sie sich in der Persönlichkeit angegriffen fühlt. Eine Anzeige bringt leider meist nicht den gewünschten Erfolg, verursacht aber in der Regel reichlich Aufwand und ein möglicherweise unbequemes Selbst-Outing bei der Polizei. Qualifiziertes oder geschultes Personal bei der Polizei fehlt meist. Die beste Hilfe und kompetente Beratung erhält man am ehesten bei einem der schwulen Überfalltelefone, die in einigen größeren Städten, wie Berlin oder Leipzig angeboten werden. Diese sind allerdings aufgrund knapper werdender finanzieller Mittel direkt in ihrer Existenz bedroht. Aber hier findet man die richtigen Ansprechpartner für alle Fälle antihomosexueller Gewalt und wird ausführlich über rechtliche Möglichkeiten beraten.

GP

Schwules Überfalltelefon Leipzig
c/o Rosa Linde e.V.
Mi. 19-22 Uhr, Fr. 16-20 Uhr
Telefon: (0341) 19 228

Schwules Überfalltelefon Berlin
c/o Mann-o-Meter e.V.
030 - 21 63 336
tgl. 17-19 Uhr

Auch Worte verletzen!