Buchvorstellung: Olivia Kleinknechts "Der Regisseur"

Gegenpol: Nach "Liebeslohn" ist nun Ihr neuer Roman "Der Regisseur" erschienen. Als Protagonisten haben Sie quasi eine moderne bisexuelle Mischung aus Don Giovanni und Marquis de Sade erschaffen, die Menschen nahezu bedenkenlos manipuliert und erpreßt, um letztlich immer neuen Sinnesrausch auszukosten. Die Opfer, im Buch zumeist Frauen, scheinen sich aber davon geradezu angezogen zu fühlen. Liegen Leiden und Lustgewinn tatsächlich so dicht beieinander?

Olivia Kleinknecht: Auf den ersten Blick erscheint der Regisseur als Sadist, auf den zweiten weniger. Der Kern des Buches ist die Jagd nach dem Glück, als Jagd nach intensivem Erleben, so intensiv, daß die Zeit außer Kraft gesetzt wird. Der Regisseur entdeckt: sein Glück ist instabil, weil die ihm zur Verfügung stehende seelische Energie eine konstante Größe ist, die Ausschläge nach oben mit Ausschlägen nach unten ausgleicht, auf das höchste Glück folgt der tiefste Absturz. Er schließt daraus, man könne Glück/Lust stabiler erleben, wenn man ihm von vornherein einen Teil Unglück/Leid beimischt. In einem seiner Filme läßt er den Protagonisten, einen Papst, das Rezept mit skandalösen Resultaten umsetzen. Er selbst quält andere, weidet sich aber nicht an ihrem Unglück, wie ein Sadist, sondern möchte ihnen und sich nur nachhaltigere Lust verschaffen. Bis zu einem bestimmten Punkt wächst die Lust mit dem Leid, das Glück mit dem Unglück, dann kippt aber der Mechanismus: lediglich das Unglück vergrößert sich, während das größte Glück (größtes Leid/größte Lust) ausbleibt. Als der Regisseur bei seinem riskanten "Spiel" die Grenze ins Verbrechen überschreitet, gerät seine Welt aus den Fugen.

Gegenpol: Der Lustgewinn bei der Manipulation von Menschen aber auch die Lust an masochistischer Unterwerfung ziehen sich als roter Faden durch das Handeln der Figuren, eine Spielart von S/M, aber mehr auf geistiger und seelischer Ebene. Wie weit würden Sie selbst in diesem Spiel mitgehen?

Olivia Kleinknecht: Der Regisseur lebt in einer fortgeschrittenen Spaßgesellschaft. Dort ist man auf der Suche nach multiplen und auch nach verfeinerten, nicht nur primär körperlichen Vergnügungen. Der Regisseur sucht allerdings etwas Fundamentaleres als Spaß, er ist auf der Suche nach dem Glück, nach dem glücklichsten Moment, in dem die Zeit stehen bleibt (wie Faust), er will, daß der Moment ewig wird. Es handelt sich um ein radikales Ziel, der Regisseur wählt deshalb radikale Mittel, extreme Vergnügen, er geht so weit, das Glück im kapitalen Verbrechen zu suchen. Er ist nicht der einzige Extremist der Spaßgesellschaft. Überwältigend viele suchen das Vergnügen, das Glück, im "Negativen", im Risiko, in der Gefahr, in einem speziellen Schmerz, denkt man nur an die uns allen bekannten harmloseren Varianten: Extremsport, das Konsumieren von Horrorspektakeln, die täglich gespielten Beziehungsspielchen von Hingabe und Entzug.

Ich persönlich lasse mich höchstens auf harmlose Neckereien ein: ich habe schwache Nerven, da ist es am besten, man erlebt gewisse Dinge nur in der Fantasie.

Gegenpol: Der Roman trägt Züge einer klassischen Tragödie. Am Schlußpunkt steht der Untergang der handelnden Personen im Strudel der Ereignisse, welche die größenwahnsinnige Titelfigur verursacht hat, dem aber nach und nach die Fäden der Kontrolle aus der Hand genommen werden. Worin liegen die Lehren, die man als Leser aus dem Roman mitnehmen sollte?

Olivia Kleinknecht: Es geht im Roman um Probleme und Risiken bei der Glückssuche. Wir sind alle auf der Suche nach dem Glück, selbst diejenigen sind es, nach Pascal, die sich erhängen. Im Roman erfährt man, Glück, bzw. das Empfinden von Glück, hat per se schon seine Tücken. Es gibt da eine unbequeme Glücksparadoxie. Die Suche nach dem Glück ist daher kompliziert, Irrwege sind vorgezeichnet. "Der Regisseur" beleuchtet, wie gesagt, eine weit verbreitete Glückssuche, diejenige, die das Glück im Negativen, in der Gefahr, im Risiko usw. sieht, in extremis in der Zerstörung. Der Regisseur ist ein Glücks-Extremist in dieser Hinsicht. Eine Steigerung könnte noch Bin Laden sein, sozusagen als Spaßterrorist. Es geht um faustische Hybris bei der Glückssuche. Dazu gehören auch die Millionen, die begeistert in einen Krieg gezogen sind. Den Ausgang kennt man...

Olivia Kneinknecht Ex negativo könnte man aus dem Roman ableiten, wie man sich dem Glück erfolgreicher nähern kann. Die Message des Romans wird auch klar, wenn ich beschreibe, wie ich auf den Regisseur überhaupt kam: Die meisten modernen Individuen leiden unter einem Erlebnisdefizit, fühlen sich mehr als Beobachter, nehmen weniger am Leben teil, sind in der medialen Gesellschaft zunehmend reflexiv passiv und in der Folge unglücklich. Mit der Beobachtung geht auch ständige Selbstbeobachtung einher, man ist (selbst)reflexiver und erlebt weniger. Hamlet war einer der Vorläufer dieser modernen Spezies, überbordende Selbstreflexion, Handlungsarmut, Selbstzweifel, Verzweiflung an sich selbst. Ich fragte mich, wie muß jemand beschaffen sein, um wieder unmittelbar zu erleben, in den Kern der Erlebnisse vorzudringen.

Der Regisseur ist ein quasi archaischer Gegentyp zum modernen Individuum, er handelt in erster Linie, ohne zu zweifeln, ohne zu zögern, fast gedankenlos, er setzt den ersten Gedanken sofort in die Tat um, bevor der sich auf einen weiteren Gedanken stürzt und schließlich in Gedanken verbraucht. Er formt und inszeniert seine Wirklichkeit wie einen Film statt sich von der Wirklichkeit verformen zu lassen, er ist derjenige, der "genuin" erleben kann, der mehr erlebt als andere, sein Typus birgt Chancen, aber auch Gefahren. Er ist der perfekte Glücksjäger, derjenige, der unmittelbar erleben kann, vom gedankenlosen zum skrupellosen Handeln ist es allerdings nicht weit, in der Tat überstrapaziert der Regisseur sein Glück, überschreitet die Grenze ins Verbrechen.

Gegenpol: Etwas besonderes sind die eingefügten Filmszenen, die den Regisseur in der Rolle seines Lebens zeigen: als machterfüllten Papst, der die Kontrolle über Leben und Handeln der Menschen hat. Diese Szenen erinnern deutlich an die großen Regisseure Fellini und Visconti - eine Hommage?

Olivia Kleinknecht: Warum nicht. Es gibt reale Vorbilder für den Regisseur. Aussehen, Gestik und Mimik habe ich einer realen Person "entliehen". Primär ist der Regisseur allerdings eine Kunstfigur wie Don Giovanni. Ein Regisseur ist der ideale Glücksjäger, derjenige, der für sich und andere eine Welt inszenieren/schaffen kann, er hat Vorzugsbedingungen, lebt in einer geschmeidigen Realität. Der Regisseur spielt außerdem in seinen Filmen regelmäßig die Hauptrolle, er kann so seinen Narzißmus exzellent befriedigen. Der sich um sich selbst drehende Narziß wirkt wie ein Schwerkraftzentrum, die andern rotieren um dieses Zentrum, werden zum Zentrum gezogen. Seine mächtige Identität im Film und in der Wirklichkeit verstärkt die Wirkung noch. So kann er leicht eine Menge "Mitspieler" zu seinen Glücksexperimenten verführen.

Gegenpol: Genau auf diese Filmszenen lassen Sie die Vertreter der katholischen Kirche im Buch reagieren. Gab es negative Reaktionen auf das Buch wegen dieser Passagen?

Olivia Kleinknecht: Der Papst-Film des Regisseurs ist mehr als ein Grenzfall von Geschmacklosigkeit. Es wird auf die sexuellen Aspekte bei Folterungen verwiesen, ein reales, unscharf beleuchtetes Gebiet. In Ecos "Der Name der Rose" gibt es analoge Anspielungen. Offene Kritik ist diesbezüglich noch nicht geäußert worden. Der Film führt keinen Angriff auf die katholische Kirche insgesamt, spielt lediglich auf ein paar Mißbräuche innerhalb der Institution, auf menschliches Versagen an. Mein Eindruck ist allerdings, daß man darauf bedacht ist, dem Buch keine allzu große Publizität zu verschaffen... Das liegt u.U. an weiteren Tabubrüchen. Es wird ein herkömmliches Opfer-Täter Schema unterlaufen, die Opfer machen gemeinsame Sache mit den Tätern. Die Opfer, die der Regisseur bzw. der fiktive Papst im Film quält, erhoffen sich davon stabilere Glücksgefühle, sie steigen in der Mehrzahl auf die Glücksrezepte der Täter ein, es geht quasi um Menschenversuche. Und es kommt ein spezieller Fall von "Pädophilie" vor, über den kaum jemand unbefangen zu schreiben wagt, der Regisseur liebt einen fünfzehnjährigen Jungen, der Junge liebt ihn auch. Diese Beziehung wird im Roman wie jede andere Liebesbeziehung geschildert, sie wird nicht als verwerflich qualifiziert. Von außen ist es ein Fall von Pädophilie, von innen aber eine Liebesbeziehung, ein Verhältnis auf Gegenseitigkeit. So etwas gibt es, es ist eine Spielart der Realität, die man nicht einfach negieren kann.

"Der Regisseur" ein Buch für den Giftschrank: Irritiert ist man im deutschsprachigen Raum möglicherweise auch, da sich dort weibliche Autoren noch kaum derart pointiert mit männlichen Intimphantasien beschäftigen, und schon gar nicht mit einem homosexuellen Protagonisten aufwarten, dessen Homosexualität sich von Heterosexualität nicht unterscheidet (Homosexuelle werden ja hierzulande im Fernsehen oder in der Literatur verbreitet als Angehörige eines Stammes mit fremden, zum Teil lächerlichen Stammesritualen porträtiert).

Gegenpol: Vielen Dank für das Gespräch

Interview mit Olivia Kleinknecht