Zu diesem umstrittenen wie emotionsgeladenen Thema lud der LSVD in Sachsen-Anhalt Ende des vergangenen Jahres nach Niederndodeleben bei Magdeburg ein. Gekommen waren etwa zwanzig Frauen und Männer unterschiedlicher Motivation: So überwogen Frauenpaare, die einen Kinderwunsch haben und Wege zu dessen Realisierung suchen, aber es fanden sich neben dem engagierten Organisator und Moderator Eduard Stapel auch interessierte Männer sowie zwei Mütter und Väter, die neben ihrer Homosexualität auch Erfahrung in der Kindererziehung haben. Zum intensiven Erfahrungs- und Meinungsaustausch gab es so auch zahlreiche Gelegenheiten.

Bereits als Eduard Stapel den Wandel des Familienbegriffs in der Vergangenheit darstellte und durchaus auch Fortschritte der letzten Jahrzehnte aufzeigte, wurde deutlich, daß trotz zunehmender Offenheit gegenüber verschiedenen Familienformen diese nur Heterosexuelle umfassen. Der Schwerpunkt der Veranstaltung lag insgesamt auf juristischen Aspekten der Elternschaft in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften. Sehr kompetent klärte Andrea Würdinger, Rechtsanwältin aus Berlin, über die Rechte und Pflichten sozialer Eltern im Gegensatz zu biologischen bzw. gesetzlichen Eltern auf. Während letztere unter das Familienrecht fallen und so über zahlreiche Rechte (Erziehung, Sorge, Beistandschaft, Umgang mit den Kindern im Scheidungsfall, Erbrecht, Aussageverweigerung) und Ansprüche (Steuerklasse, Unterhalt, Versorgungsausgleich bei der Rente) verfügen, konnten soziale oder Ko-Eltern bislang entsprechende Regelungen höchstens vertraglich regeln, was jedoch keine Verbindlichkeit gegenüber Dritten bewirkt hat. Durch das Lebenspartnerschaftsgesetz haben sich hier einige Veränderungen ergeben wie ein sogenanntes kleines Sorgerecht des Ko-Elternteils, allerdings wurden weiter gehende Rechte nicht gewährt, da Kind und Ko-Elternteil lediglich in einem Verschwägerungsverhältnis zueinander stehen, nicht jedoch in einem Abstammungsverhältnis. So sehen sich die Ko-Eltern nach wie vor erheblichen rechtlichen und finanziellen Benachteiligungen ausgesetzt.

Immerhin bildet die Fiktion einer gesetzlichen Vaterschaft in einer Ehe bei einem außerehelichen biologischen Vater einen Ansatzpunkt für die Gleichstellung von Ehe und Lebenspartnerschaft. Eine andere Möglichkeit besteht in der Öffnung des bislang eher strikten Adoptionsrechts für den Ko-Elternteil. Daß die Forderung nach Gleichstellung ihre Berechtigung hat, zeigen nicht zuletzt die bereits vielfach wahrgenommenen Aufgaben von Ko-Eltern in Familien, die sich faktisch wenig von leiblichen Eltern unterscheiden. Die steigenden Kinderzahlen in Lebensgemeinschaften, wie sie aus Dänemark und Holland bekannt sind, sprechen eine deutliche Sprache. Insofern läßt sich der Schutz der Familie in Artikel 6 des Grundgesetzes durchaus unabhängig von dem der herkömmlichen Ehe betrachten!

Als problematisch erweisen sich überdies die Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung, da das Kind gegenüber dem privaten Samenspender Rechte auf Unterhalt und Erbschaft geltend machen kann, auch wenn zwischen beiden keine familiäre Bindung im sozialen Sinn vorliegt. Vor allem aber die Insemination über Samenbanken bergen das Dilemma eines anonymen oder bekannten Samenspenders, da sich bei erstem die Frage nach der Identität des Kindes und bei letzterem nach dem Verhältnis zwischen biologischem Erzeuger und Kind bzw. sozialen Eltern erhebt.

Angesichts der in der "hohen" Politik kontrovers geführten Debatte über die Gleichberechtigung von heterosexuellen und schwulen bzw. lesbischen Familien offenbarte die Diskussion mit eingeladenen Politikerinnen und Politikern so manche Übereinstimmung. So wurde von allen TeilnehmerInnen des Podiums der Wandel der Familienverhältnisse anerkannt und dazu auch Familien in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften gezählt. Auch wenn hier unterschiedliche Dimensionen rechtlicher Regelungen vorgebracht wurden (Menschenrecht auf Kindererziehung, Ergänzung zum Lebenspartnerschaftsgesetz, komplexe Gesamtregelung aller dafür relevanter Rechtsbereiche, Antidiskriminierungsgesetz), so bestand doch Einigkeit darin, daß die "neue" Lebensform die konventionelle Ehe nicht bedroht, sondern eine Bereicherung für die Gesellschaft darstellt und folglich der Familienbegriff erweitert werden muß. Abgesehen von den Aktivitäten auf politischer Ebene kommt es daher insbesondere auch auf die tatkräftige Mitwirkung der homosexuellen Eltern und deren Kinder an, um der noch zurückhaltenden bis ablehnenden öffentlichen Meinung die Realität vor Augen zu führen! Bleibt also zu hoffen, daß die eingeladenen politischen Vertreter ihre Ansichten und Überzeugungen in die Debatte einbringen und dabei von den sog. "Betroffenen" unterstützt werden, wozu nicht zuletzt auch weitere Familienmitglieder sowie ehemalige heterosexuelle Partner vor dem Hintergrund einer veränderten Familiensituation gehören. In diesem Sinn verstehen sich die TeilnehmerInnen als Beginn der ersten "Initiative für lesbische und schwule Eltern" (Ilse) in Ostdeutschland und laden weitere lesbische wie schwule Eltern (in spe) sowie sonstige Angehörige und Interessenten zur Mitarbeit ein!

Ansprechpartner:
Robert Koch (Dresden)
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0162-6055442;
Eduard Stapel (LSVD)
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Hinweis: In Dresden existiert seit geraumer Zeit eine Gruppe schwuler Väter, die sich einmal im Monat, in der Regel an jedem zweiten Sonntag, trifft (siehe auch Terminkalender im Gegenpol).

Lesben, Schwule...und Familie?!