Der Gerede e.V. Dresden bietet seit Jahren ein sehr umfangreiches Programm aus Beratung und Aufklärung rund um das Thema Homosexualität an und das mit wachsendem Erfolg. So gab es im Dezember 2003 einen Grund mehr, um stolz auf die geleistete Arbeit zu sein und ein Jubiläum zu feiern. Das Schulprojekt "LiebesLeben" erreichte den zehntausendsten Schüler, seit es 1989 ins Leben gerufen wurde. Der Verein bietet mit diesem Projekt Schulen und Jugendeinrichtungen Veranstaltungen an, in denen mit den Jugendlichen über verschiedene Lebensweisen und Sexualitäten gesprochen wird. Dabei sind neben Themen wie Liebe und Partnerschaft vor allem homosexuelle Lebensweisen ein Schwerpunkt der Aufklärungsarbeit.

Am 4.12.03 rückte das ehrenamtliche Jugendprojekt-Team des Vereins wieder einmal aus, diesmal zum Gymnasium Gruna, welches das Angebot bereits seit zehn Jahren innerhalb des Ethikunterrichtes nutzt. Es war ein ganz normaler, grau trüber Herbsttag und ein Einsatz von vielen für die Mitstreiter des Gerede. So ganz normal war er dann aber doch nicht, zumindest nicht für die Schüler der 9. Klasse des Dresdner Gymnasiums, auf deren Unterrichtsplan LiebesLeben stand.

Die Jugendlichen sitzen ohne konkrete Vorstellungen im Klassenzimmer, zwischen ihnen die Mitstreiter vom Gerede. Nach einem Klassenlehrer sucht man vergebens. Morena Gutte (26), Sozialpädagogin des Vereins, stellt sich der Klasse vor und bietet ihnen das Du an. "Das Du löst erste Hemmschwellen", sagte sie und berichtete, daß der Gerede e.V. seit Wochen und Monaten ein bis zwei Mal pro Tag mit dem Projekt unterwegs ist. Ob ein Lehrer bei diesem intimen Thema anwesend sein darf, entscheiden allein die Schüler; und intim geht es zu, spielerisch, offen, aber alles nur so weit, wie die Jugendlichen es zulassen.

Schulprojekt LiebesLeben Die Ehrenamtler vom Gerede beginnen die Doppelstunde mit einem Spiel, wobei die Schüler sich nur für Ja oder Nein entscheiden müssen. Wer sich zu Ja bekennt stellt sich auf die eine Seite des Raumes und wer Nein sagt geht auf die andere Seite. Die Fragen zu diesem Spiel beginnen harmlos, dennoch ist lügen erlaubt. Mittendrin dann die Frage, wer Selbstbefriedigung betreibt. Die Jugendlichen kichern kurz, dann entscheiden sie sich und sehr schnell wird klar, wie aufgeklärt die junge Generation mit dem Thema Sex umgeht. Rasch begreift man auch, worum es bei diesem Spiel geht, denn es kann passieren, daß man plötzlich allein auf einer Seite des Klassenzimmers steht und somit allein gegenüber einer ganzen Gruppe. Wer das Coming Out hinter sich hat, der kennt diese Situation. Auch bei einem weiteren Spiel spürt man, wie viel Jugendliche heute über Sex wissen. Alles was ihnen zum Thema Sexualität einfällt, sollten die Teens an die Tafel schreiben und man staunt nicht schlecht, wenn die Tafel gefüllt ist mit Begriffen wie S/M, Fisten und Analverkehr. Die Atmosphäre indes ist locker und aufgeschlossen. Man fragt den Geredemitstreitern Löcher in den Bauch, welche offen und ehrlich auch von ihrem Coming Out berichten. Aber es geht um mehr: um Ausgrenzung und Akzeptanz, um Wünsche an die Normalität und Verständnis. In der Projektstunde steht die Homosexualität aber nicht allein im Mittelpunkt, sondern die Jugendlichen selbst und deren Umgang untereinander. Wer kennt sie nicht, die Grüppchenbildung, die kleinen Gemeinheiten und Hänseleien in der Klasse. Ist das Ausgrenzung? Die Mädchen und Jungen an diesem Tag sagen eindeutig Nein. Es gibt Abgrenzung, verschiedene Interessen und sicherlich Sympathien, aber wer zu sich steht, wird nicht ausgegrenzt. Der Jugend gehört die Zukunft, sagt man und egal wie diese aussehen wird, so scheint sie zumindest mit der jungen Generation menschlicher zu werden. Das Projekt LiebesLeben vom Gerede e.V. ist nicht nur eine willkommene Abwechslung für Lehrer und Schüler, noch ein Pausenfüller, sondern ein Schritt nach vorn und nachahmenswert. Vor allem unterstützt das Projekt die freie Entfaltung jedes Einzelnen, fern jeder körperlichen und geistigen Einengung, ohne Schuldgefühle und schlechtem Gewissen, weil man anders fühlt und empfindet. Für die Aufklärungsarbeit, als Ergänzung des Schulunterrichts, wird der Verein von der Stadt leider nicht belohnt, denn finanzielle Einschnitte gefährden diese und andere Projekte.

Den Schülern hat es Spaß gemacht, darüber zu reden, sind sie doch in einem Alter, das man Pubertät nennt und da sind kompetente Gesprächspartner gefragt. "Die Reaktionen sind durchweg positiv", beurteilt es die Lehrerin Frau Ursula Hiemann, die seit 10 Jahren auf die Zusammenarbeit mit dem Verein schwört. Auch Joachim Girndt, der Direktor des Gymnasiums, steht hinter der Einbindung des Projektes in den Schulunterricht, macht aber auch darauf aufmerksam, daß noch nicht alle Pädagogen bereit sind, sich diesem Thema zu öffnen. Dabei ist Homosexualität wieder ein Thema in den hiesigen Schulbüchern geworden und auch für dieses Thema einiger Lehrer bietet der Gerede e.V. einen Weiterbildungskurs an.

An diesem Tag wurde aber nach dem Projekt mit den Schülern gefeiert, mit selbstgebackenem Kuchen und Blumenstrauß, auf das Akzeptanz und Toleranz zur Gewohnheit werden.

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Das Projekt ist ein Angebot für Jugendhäuser/-clubs & Vereine
Nähere Infos unter www.gerede-dresden.de oder
Gerede e.V. Dresden
Prießnitzstraße 18
01099 Dresden
0351/8022251

Liebesleben im Stundenplan