Die Kirschblüten in Leipzig

In der Dezember-Ausgabe des vergangenen Jahres berichtete Gegenpol unter dem Titel interner Link "Chorgeflüster" über die Spaltung des Leipziger schwulen Chores "Die Kirschblüten" und die Gründung des neuen Ensembles unter dem Namen "Die Tollkirschen". Aber die Kirschblüten haben sich, wie Gründer Armin Schaue mitteilte, keineswegs aufgelöst, sondern formieren sich gerade neu.

Gegründet wurden "Die Kirschblüten" bereits 1995. Seitdem war der Chor ein fester Bestandteil der Leipziger Szene, der auf fast hundert begeisternde Auftritte zurückblicken kann. Der Bruch des Chores im vergangenen Jahr kam überraschend, wie Schaue betont.

Er sagte: "Es gab zuvor keine Diskussion mit allen Chormitgliedern, - ich betone mit allen Chormitgliedern - über eine Kursänderung der bisherigen Chorarbeit, keine Auseinandersetzung im Sinne einer demokratischen Streitkultur. Eine Diskussion oder eine Abstimmung über die künftige Ausrichtung des Chores erfolgte nicht, obwohl die 'Tollkirschen' das Gegenteil behaupten und auf diese Weise die Tatsachen eindeutig verdrehen", so Armin Schaue weiter.

Mit J. R., dem Chorleiter haben wir über die Spaltung des damaligen Chores, aber auch die Neuformierung "Der Kirschblüten" gesprochen. Auf dieser Seite findet Ihr einen Auszug aus dem Interview, welches auf der Gegenpol-Internetseite in voller Länge zu lesen ist. Namen beteiligter Personen werden verfälscht wiedergegeben.

Gegenpol: Als Chorleiter hast Du im vergangenen Jahr die Spaltung der damaligen "Kirschblüten" miterlebt. Wie empfandest Du diese Situation?

J. R.: Am 24. August 2003 rief Z. an, und teilte mir mit, ich brauche mich nicht auf die morgige Chorprobe vorbereiten, es fände eine Chorversammlung statt, auf der ich meinen Rücktritt erklären solle. Das habe der Chor so beschlossen. Diese Behauptung war eine eindeutige Lüge; denn mein Lebenspartner Matthias, Armin Schaue und ich selbst waren darüber als Chormitglieder in Unwissenheit gelassen worden. Auf der Chorversammlung einen Tag darauf verlas Y. im Namen von zehn unterzeichnenden Chormitgliedern einen Text, in dem zum Ausdruck kam, daß diese Leute nicht mehr mit mir zusammenarbeiten wollten. Eine Antwort auf meine Fragen, eine Diskussion über den verlesenen Text, wurde mir verweigert. Die neun Anwesenden schwiegen eisern. Einer von den zehn Unterschreibern war - vermutlich aus gutem Grund - nicht erschienen. Ich fühlte mich wie einer, dem Gewalt angetan wird. Hier verstießen die Neun in eklatanter Weise gegen ein Menschenrecht. Jedem Angeklagten wird das Recht auf Verteidigung und Rechtfertigung zugestanden Dieses Grundrecht ließen sie nicht gelten. Ich möchte ausdrücklich betonen: Es geht mir nicht um die Chorleitertätigkeit, sondern darum, das Verhalten anzuklagen; denn es gehört sehr wohl zu den persönlichen Angelegenheiten eines jeden Einzelnen, wenn er mit mir nicht mehr zusammenarbeiten will. Darüber brauche ich nicht zu diskutieren. Das Geringste aber wäre, sich für die Reaktion am 24. August 2003 zu entschuldigen. Eine Erfahrung, die sicher viele von uns schon einmal in irgendeiner Art und Weise erleben mußten, bestätigte sich: Die übelsten Feinde des Schwulen sind die Schwulen selber.

Einige Tage darauf sandte ich eine E-Mail an Y. mit der Bitte, mir eine Abschrift des vorgelesenen Textes zu schicken. Ich warte heute noch darauf, was zu denken gibt.

Neben den vielen Unaufrichtigkeiten im vorgelesenen Text stach eine Lüge besonders hervor, auf die ich jetzt näher eingehen möchte. Dort stand, ich würde auf die Chormitglieder, besonders auf die neuen, nicht ausreichend zugehen. Wahr ist: Seit Jahren lud ich neben der offiziellen Chorprobe neue Mitglieder und weitere Interessenten wöchentlich zu zusätzlichen Sprech- und Gesangsübungen ein. X, der regelmäßig und nach eigenen Aussagen bis vierzehn Tage vor dem Affront gern daran teilnahm, und dem ich während meiner Buchpräsentation im Rahmen von "Leipzig liest 2003", Gelegenheit gab, seine schmale Herausgabe von Gedichten eines vergessenen Autors vorzustellen, wozu er selbst während der Leipziger Buchmesse unter Garantie keine Gelegenheit bekommen hätte, unterschrieb bedenkenlos eine solche Anschuldigung.

Seit acht Jahren hatte ich den Chor mit hohem Einsatz geleitet und ihn zu einer Institution geführt, die tatsächlich weit über die Grenzen von Leipzig bekannt war. Die Zeitung "Queer" beispielsweise schrieb, daß "die Kirschblüten zu den Entdeckungen beim 10th European Lesbian & Gay Choir Festival Varios Voices Berlin 2001" gehörten.

Gegenpol: Einer der Kritikpunkte der späteren "Tollkirschen" war die programmatische Ausrichtung des Chores. Wie siehst Du diese Kritik und wie wurde über Inhalte und Programme entschieden?

J. R.: Auch dieser Kritikpunkt ist eine Legende. Viele Liedvorschläge, welche Aufnahme in die Programme fanden, brachten die Chormitglieder selbst ein. Grundsätzlich wurde im Chor über jede Kleinigkeit abgestimmt. Aber offensichtlich fiel es einigen schwer, demokratische Gepflogenheiten anzuerkennen. Gefiel beispielsweise Ö. und Ü. bei dem Lied "Freunde" das zustimmende Abstimmungsergebnis des Chores nicht, gingen beide dagegen vor mit dem Resultat, daß das Abstimmungsergebnis für nichtig erklärt wurde und das Lied nicht ins Programm aufgenommen werden konnte. Selbstverständlich konnte manches von den Vorschlägen nicht gesungen werden, weil es dem augenblicklichen Entwicklungsstand des Chores nicht entsprach, auch wenn das einige nicht immer einsehen wollten. Es kam aber auch vor, daß Ö. eine Minute vor Programmbeginn in der Leipziger Begegnungsstätte Mühlstraße - der Chor stand tatsächlich schon vor der Tür, um auf das Podium zu gehen - zu mir kam und sagte, er spiele die Pantomime nicht, die er übernommen hatte. Was das für den gesamten Programmablauf bedeutete, brauche ich wohl nicht erläutern. Das Sinnen und Trachten einiger war tatsächlich nicht immer auf das gemeinsame Vorhaben hin ausgerichtet.

Wenn ich mir die im Artikel "Chorgeflüster" veröffentlichte Konzeption der "Tollkirschen" ansehe, finde ich genau meine Konzeption wieder: Unterhaltung - schwules Lebensgefühl - schwule Themen - Elemente aus Kabarett und Show, nichts Anderes, nichts Neues. Nach dem gleichen Entwurf gestalteten die damaligen "Kirschblüten" unter meiner Leitung ihre Programme auch, so daß sich die "Tollkirschen" mit ihrer eigenen Veröffentlichung selbst widerlegen. Das einzige Novum ist tatsächlich die Frau, welche die "Tollkirschen" leitet. Was an diesem Fakt so prickelnd sein soll, übersteigt meine Erlebnisweise.

Eines Tages brachte Ü. in den Chor den Anfang eines Theaterstückes, das er zu schreiben begonnen hatte. Unser vorhergehendes Programm, das wir mit Erfolg aufgeführt hatten, wurde kritisiert, und das neue, deren Fertigstellung noch in den Sternen stand, begrüßt. Ich geriet in den Ruf, ich würde das Programm nicht wollen, obwohl ich nie ein Wort dagegen gesagt hatte. Ü. meinte deshalb, er könne meine Körpersprache lesen. Um diese Projektion aufzulösen, luden mein Lebenspartner und ich Ü. zum Abendessen ein, wo wir über sein Vorhaben und dessen Realisierung sprachen. Es wurden darüber hinaus auf meine Initiative hin noch zwei weitere mehrstündige Gespräche geführt, auf denen ich sogar eine schriftlich ausgearbeitete Regiekonzeption für das Stück vorlegte. Das half alles nichts, am Ende des dritten Gespräches ging Ü. mit den Worten: "Mit dir ist ja nicht zu reden." Ich blieb sprachlos zurück. Heute weiß ich natürlich seine Rede zu deuten. - Zu dem Projekt von Ü. aber verlangte der Chor nie eine Abstimmung. Übrigens könnte ich zu dem Thema "Projektionen im Chor" eine wissenschaftliche Abhandlung schreiben. Vielleicht greife ich dazu einmal zur Feder, kann sein.

Gegenpol: Die neuen Kirschblüten formieren sich zur Zeit wieder neu. Wie geht es nun weiter und wann ist mit neuen Auftritten zu rechnen?

J. R.: Die ersten Schritte sind getan. Wir haben uns den Namen "Kirschblüten" mit einer Patent-Urkunde gesichert. An einem neuen Programm wird bereits geschrieben. Natürlich sind wir weiterhin offen für Leute, die Spaß am Singen und Tanzen haben. Wer Lust und Laune hat, sich längerfristig bei den "Kirschblüten" zu engagieren, kann sich gern bei uns melden. Wann wir wieder zu sehen und zu hören sein werden, hängt davon ab, wie schnell sich unsere neuen Mitglieder auf das Kirschblüten-Feeling einlassen. Wir werden nichts überstürzen, frühesten im zweiten Halbjahr könnte alles so weit sein.

Gegenpol: In Leipzig gibt es nun die Konkurrenz zweier schwuler Chöre. Ist die Szene dafür groß genug?

J. R.: Momentan sieht es so aus, daß die "Tollkirschen" mit Teilen aus unserem Liedgut hausieren gehen und mit Bildmaterial und Zeitungsrezensionen aus Kirschblütenzeiten für sich werben (siehe deren Homepage). Das ist natürlich nicht in unserem Sinne, und wir werden dagegen vorgehen. Auch ihren Namen haben die "Tollkirschen" - salopp gesagt - geklaut. Unter diesem Namen stehen bereits zwei temperamentvolle Vollblutmusikerinnen auf der Bühne. Ob die Damen sich das bieten lassen, kann ich mir schwer vorstellen. - Wir werden jedenfalls erleben, was in der Zukunft von zwei konkurrierenden Chören übrig bleibt.

Gegenpol: Wir danken für das Gespräch.

Schwuler Chor