Erstmals wird es in Dresden in diesem Jahr neben dem Gleichstellungsbericht für Frauen auch einen für Männer geben. Der Gerede e.V. hat sich nach eigenem Bekunden in der Vorbereitungs- und Umsetzungsphase aktiv eingebracht, um die Situation von schwulen Männern zu beleuchten und in die öffentliche Diskussion einzubringen.

Gegenpol-sergej veröffentlicht den ausführlichen Bericht des Gerede e.V. auf seiner Internetseite unter www.gegenpol.net. Ausdrücklich ist eine Diskussion zu den aufgeworfenen Themen erwünscht. Dies ist unter anderem in unserem interner Link Online-Forum möglich.

Gleichgeschlechtliche Lebensweise

Ein genaues Bild der Lebensumstände homosexueller Männer in Dresden zu zeichnen, ist nicht einfach: Viele Daten zu ihrer Situation sind nicht oder nur unvollständig bekannt, das Schwulsein ist immer noch tabuisiert und mit Vorurteilen belegt. Zahlenmaterial zu Sexualität existiert kaum, schon bei der Frage nach der Zahl homosexueller Männer in Dresden ist man auf Schätzungen angewiesen. Geht man von den Angaben wissenschaftlicher Literatur zum Thema aus, nach denen circa vier Prozent der männlichen Bevölkerung homosexuell leben, so kann man für Dresden annehmen, dass in der Stadt rund 10000 schwule Männer leben. Ein genauerer Einblick in deren besondere Situation, Beziehungen und Problemlagen ist vor allem durch Experten zu gewinnen, die zum Beispiel in Beratungsstellen Kontakt zu ihnen haben. Für diesen Bericht wurde deshalb auf Angaben von Beratern des Dresdner Gerede e.V., der Dresdner Aidshilfe und des städtischen Gesundheitsamtes zurückgegriffen. Zahlenmaterial, das einen statistischen Überblick erlaubt, wird allerdings auch dadurch nicht verfügbar - jeweils nur ein Teil der schwulen Männer in Dresden nimmt Kontakt zu den verschiedenen Beratungsstellen auf oder andere zielgruppenspezifische Angebote von Dresdner Vereinen oder Ämtern wahr. Zudem ist zu vermuten, dass nur ein Teil der schwulen Männer in der Stadt offen homosexuell lebt.

Die Schwierigkeiten des öffentlichen Bekenntnisses zur Homosexualität sind nach wie vor eines der größten Probleme von Schwulen in Dresden. Suchen homosexuelle Männer in der Stadt Beratung, dann vor allem zu Fragen des Coming Out - vor sich selbst, ihrer Familie und vor einer diskriminierenden Umwelt. In den Beratungsgesprächen, die zum Beispiel im Gerede e.V. geführt werden, vermittelt sich folgendes Bild: Betroffen von den Problemen des Coming Outs sind vor allem jüngere Schwule, doch Diskriminierung bei einem offenen Umgang mit der eigenen Homosexualität erleben auch ältere schwule Männer. Die Schwierigkeiten, denen Schwule aufgrund ihrer Homosexualität in ihrem Umfeld begegnen, wandeln sich je nach Lebensalter. Schwule Jugendliche fürchten oft die Offenbarung ihrer Homosexualität vor Eltern oder Freunden, in einigen Fällen reagiert ihr Umfeld extrem ablehnend auf ihr Coming Out. Ältere Männer berichten über Ablehnung und Diskriminierung ihrer Homosexualität zum Beispiel am Arbeitsplatz. Ebenso suchen auch Männer Beratung, die in heterosexuellen Partnerschaften leben und nun ihre Homosexualität entdecken.

Partnerschaftsprobleme in homosexuellen Beziehungen oder der Kinderwunsch schwuler Männer sind dagegen vergleichsweise seltener Thema von Beratungen. Dabei sind die Schwierigkeiten, auf die Homosexuelle stoßen, wenn sie Kinder adoptieren wollen, immer noch groß. Nach geltender Rechtslage können Schwule nur die Pflegschaft für Kinder übernehmen oder in einer eingetragenen Partnerschaft die eventuell vorhandenen Kinder ihres Partners adoptieren. Vergleichsweise wenige offen homosexuelle Männer in Dresden leben mit Kindern, dass es aber durchaus Bedarf an Austausch zum Thema gibt, zeigt das Bestehen einer Gruppe schwuler Väter im Dresdner Gerede e.V..

Die überwiegende Kinderlosigkeit ist ein Merkmal schwuler Lebensweise, die Schwierigkeiten in sich bergen kann - besonders dann, wenn verwandtschaftliche Bindungen durch Vorurteile gegenüber Homosexualität beeinträchtigt sind oder fehlen und keine Partnerschaft oder engere Freundschaften bestehen. Besonders ältere schwule Männer klagen über Vereinsamung: In der kommerziellen (Bars, Cafés, Clubs, Kino, Sauna) und nichtkommerziellen (Gruppen und Treffs von Vereinen, Beratungs- und Hilfsangebote) Schwulenszene Dresdens finden sie kaum Anknüpfungspunkte und Kontakt. Viele Angebote der Dresdner Szene sind auf jüngere Männer ausgerichtet. Angebote für ältere Schwule fehlen in der Stadt. Gleichwohl hat die Konzentration zumindest der nichtkommerziellen Hilfe und Beratung auf junge Schwule klare Ursachen. Vor allem in dieser Altersgruppe zeigen sich starke Auswirkungen der Coming-Out-Probleme: Wissenschaftliche Untersuchungen haben zum Beispiel gezeigt, dass die Suizidgefährdung von homosexuellen Jugendlichen bis zu vier mal so hoch ist, wie die von heterosexuellen Altersgenossen. Die Hilfs- und Beratungsangebote sollen für eine positive Integration junger Schwuler in ihr gesellschaftliches Umfeld sorgen.

Die Prämissen der Integration unterliegen dabei Wandlungsprozessen: Mittlerweile beobachten die Dresdner Berater sogar, dass immer mehr junge Schwule anhand medienvermittelter Vorbilder ihr Umfeld als toleranter gegenüber offen gelebter Homosexualität einschätzen, als es tatsächlich ist. In der Realität erleben die Jugendlichen dann Diskriminierung bis hin zu körperlicher Gewalt und sind kaum darauf vorbereitet. Das "klassische" Verhalten der versteckten Homosexualität aus Angst vor Diskriminierung bleibe dennoch auch in Dresden häufig zu beobachten.

Untrennbar mit dem Thema Homosexualität verbunden bleibt auch in Dresden nach wie vor die Aids-Prävention. Immer noch stellen hier wie in ganz Deutschland schwule Männer die größte Risikogruppe für eine Neuinfektion mit dem HI-Virus. Auch bei der Infektion mit anderen sexuell übertragbaren Krankheiten scheinen schwule Männer gefährdeter als andere Bevölkerungsgruppen. Die Berater der Dresdner Aidshilfe und des Gesundheitsamtes beobachten seit einigen Jahren wieder einen Anstieg der Infektionen mit HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten bei schwulen Männern aus der Stadt und der Region. Besonders betroffen sei die Altersgruppe zwischen 30 und 40 Jahren. Zu bemerken sei ein Trend hin zu risikoreicherem Sexualverhalten - damit stehe Dresden aber nicht allein. Hier wie auch in anderen Großstädten Deutschlands praktiziere inzwischen ein Teil der schwulen Männer einen bewußten Verzicht auf Safer Sex. Ob zum Beispiel die verbesserte medizinische Therapie für HIV-Infizierte die Illusion einer Beherrschbarkeit von Aids aufkommen läßt und damit den Verzicht auf Schutz provoziert, kann nur spekuliert werden.

In der Statistik des Robert-Koch-Instituts (RKI) wurden für Dresden von 1993 bis 2004 91 HIV-Infizierte gezählt, 72 von ihnen Männer. Fast die Hälfte dieser Männer hatte angegeben, sich bei homosexuellem Geschlechtsverkehr mit dem HI-Virus infiziert zu haben. Mit diesen Zahlen scheint aber nur ein Teil der tatsächlich Infizierten in der Stadt erfaßt: In den Dresdner Klinik-Ambulanzen, die sich auf die Behandlung von HIV-Infektionen spezialisiert haben, werden gegenwärtig bis zu 200 Patienten gezählt. Viele Dresdner lassen den HIV-Test in anderen Städten oder bei Hausärzten durchführen und fließen somit nicht in die Zählung des RKI ein, ein großer Teil macht auch keine Angaben zu näheren Umständen der Ansteckung. In der Dresdner Szene werden HIV-infizierte schwule Männer kaum wahrgenommen: Die meisten von ihnen gehen nicht offen mit ihrer Infektion um.

In den vergangenen Jahren hat es in Dresden zweifellos Fortschritte für schwule Männer gegeben, doch zu bemerken sind auch Rückschritte bei der Integration und Gleichstellung. In Dresden ist eine ausgeprägte schwule Szene mit kommerziellen und nichtkommerziellen Angeboten entstanden, die Stadt ist ein Magnet für Homosexuelle aus dem Umland, aber auch aus weiterer Entfernung. Doch noch allzu oft werden die Bemühungen zur Gleichstellung schwuler Männer konterkariert: Die Abschaffung der städtischen Beauftragten für gleichgeschlechtliche Lebensweisen war ein negatives Signal, ebenso wie die Kürzungen der Finanzmittel für nichtkommerzielle Beratungs- und Hilfsangebote. Für die Zukunft wünschenswert ist eine noch bessere Aufklärung aller Dresdner zum Thema Homosexualität. Nur durch Aufklärung und Offenheit können Vorurteile und Diskriminierung abgebaut werden und Toleranz und Integration entstehen. Einen Schritt auf diesem Weg macht zum Beispiel das Projekt "Liebesleben" des Gerede e.V., in dem junge Schwule und Lesben mit Schülern der Region außerhalb des Unterrichts diskutieren. In Dresden mehr Angebote für ältere Schwule zu schaffen ist eine Aufgabe, die noch viel Zusammenarbeit in der Szene, aber auch Unterstützung von offizieller Seite erfordert.

Gleichstellungsbericht für Dresden