1 Jahr Standesamt

Seit dem 1. Oktober 2005 ist es in Sachsen möglich, daß Lesben und Schwule die Eingetragene Lebenspartnerschaft auf den Standesamt eingehen können. Zuvor war dies nur auf den Regierungspräsidien Sachsens möglich, bis auch im Freistaat die Regelungen zum Lebenspartnerschaftsgesetz geändert wurden.

Der große Boom schwul-lesbischer Verpartnerungen ist allerdings ausgeblieben. In diesem Jahr haben 14 homosexuelle Paare auf dem Dresdner Standesamt geheiratet, zum Vergleich: im selben Zeitraum waren es 1675 heterosexuelle Paare.

Zum einjährigen Jubiläum haben wir uns mit dem Leiter des Standesamtes Dresden, Herrn Frank Neubert unterhalten.

Gegenpol: Seit einem Jahr haben Schwule und Lesben auch in Sachsen die Möglichkeit, auf dem Standesamt zu heiraten. Wie viele Paare haben sich seither hier bei Ihnen das Jawort gegeben?

Neubert: Wir hatten im vorigen Jahr ein männliches und ein weibliches Paar, das war sozusagen der Auftakt. In diesem Jahr waren es bis jetzt 14 Lebenspartnerschaften, die geschlossen wurden.

Gegenpol: Was waren Ihre persönlichen Eindrücke, als zum ersten Mal zwei Männer oder zwei Frauen vor Ihnen standen?

Neubert: Das war für mich eine ganz neue Situation. Wir, also auch ich, mußten uns damit schon im Vorfeld beschäftigen, als wir wußten, daß das Gesetz kommt, daß schwul-lesbische Paare im Standesamt verpartnert werden. Und da stellten sich für uns die Fragen, wie gestalten wir den Ablauf, nehmen wir es ganz normal in unseren Terminplan auf, oder welche Rede halten wir. Damit mußte sich jeder Standesbeamte natürlich persönlich auseinandersetzen. Besonderheiten gibt es auch von rechtlicher Seite, es sind ja doch einige Dinge anders, als wir es vom normalen Ablauf kennen. Wir mußten das anfangs ohne den persönlichen Kontakt bewegen. Dann waren die ersten Vorsprachen bei uns, und wir haben schnell festgestellt, daß schwul-lesbische Paare sehr freundlich sind. Das ist uns von vornherein aufgefallen. Das hatten wir in der Art und Weise nicht erwartet. Es war bis jetzt immer eine wunderbare Zusammenarbeit, muß ich sagen.

Gegenpol: Gab es anfangs Berührungsängste von Ihnen oder Ihren Kollegen?

Neubert: Ich war natürlich, und da rede ich erst mal nur für mich, persönlich gespannt. Es ist doch so, theoretisch weiß man, daß es Lesben und Schwule gibt, aber das existierte für mich eher im Verborgenen. Der persönliche Kontakt fand nur an wenigen Punkten statt, durch Bekannte und Freunde, die ich kenne. Die Situation war aber jetzt eine ganz andere. Und es war das schon die Frage, wie wird sich die Situation darstellen, ist es sehr exotisch, sehr exaltiert, sehr vordergründig aufdringlich oder ist es ganz normal, so wie bei allen anderen Auftreten. Das war schon eine entscheidende Frage. Man kennt ja manches Skurile aus dem Fernsehen, zum Beispiel vom CSD, wo es fast ins Schauspielerische geht. Ich war überrascht, daß der persönliche Kontakt völlig normal war, ohne besonderes Gehabe. Wirklich ohne daß ich mich befremdlich fühlen mußte.

Natürlich ist es für mich eine fremde Gefühlswelt, in die ich mich so nicht hineinversetzen kann. Und wenn sich zwei Männer küssen, dann mußte ich mich erst mal damit anfreunden, weil ich die Situation vorher noch nie erlebt habe, aber das ist im Standesamt jetzt auch Normalität. Das ist ein neuer Punkt gewesen, aber ich habe mich da schnell hineingefunden und habe auch festgestellt, daß ich bei meiner Eheschließungsrede gar nicht so vieles ändern mußte. Denn was für schwule und lesbische Partnerschaften wichtig ist, ist auch für jede heterosexuellen wichtig: nämlich gegenseitiges Vertrauen, Liebe, Achtung und Verständnis füreinander.

Gegenpol: Wohin wendet man sich, wenn man eine Lebenspartnerschaft eingehen will. Wie ist der Ablauf der Vorbereitungen und der Zeremonie?

Die Anmeldung erfolgt ganz normal zu den üblichen Öffnungszeiten des Standesamtes. Einen Unterschied gibt es allerdings, man kann die Lebenspartnerschaft nur in dem Standesamt schließen, wo der Haupt- oder Nebenwohnsitz ist. In anderen Standesämtern ist das nicht möglich. Eine Besonderheit ist ebenfalls noch, daß keine Trauzeugen vorgesehen sind, ich denke aber, das ist schon ein Vorgriff auf die Reform des Personenstandsrechts, die ja bevorsteht. Man hat die Dokumente und die Eintragungen für die Lebenspartnerschaften schon an die kommende Rechtssituation angepaßt. Abgeschafft werden sollen wahrscheinlich die Trauzeugen, die Eintragung der Religionszugehörigkeit, der Berufsbezeichnung. So ist es im Gespräch. Somit hat man es im Lebenspartnerschaftsgesetz gar nicht erst vorgesehen.

Gegenpol: Herr Neubert, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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