In Dresden gab es auch in den vergangenen Jahren mehrfach gewaltsame Übergriffe im Cruisinggebiet Wallstraße/Webergasse. Mehrere Personen suchten Unterstützung im Gerede e.V., aber vermutlich waren es deutlich mehr Betroffene.

Wer homophoben Gewaltausbrüchen zum Opfer fällt, hat häufig Angst, Anzeige zu erstatten. In einem von Gerede organisierten Expertengespräch zu Beginn diesen Jahres berichteten Opfer über schlechte Erfahrungen mit der Polizei, von der sie sich im Stich gelassen fühlen, weil sie selten den Eindruck hatten, wirklich Hilfe zu erhalten. Auch die Opferberatung des RAA Sachsen e.V. sieht hier Defizite und bietet die Möglichkeit, Betroffene bei der Anzeigenerstattung durch eine Begleitperson zu unterstützen. Diese Form von Hilfe soll noch intensiviert und ausgeweitet werden. Die Opfer sollen gestärkt und zur Anzeige von Gewalttaten jeder Form ermutigt werden.

blu sprach mit Marianne Thum von der RAA in Dresden.

blu: Wie viele Opfer antihomosexueller Gewalt haben Sie in den vergangenen beiden Jahren betreuen müssen.

Marianne Thum: Wir wissen, daß sich im letzten Jahr 7 Betroffene mit dem Gerede e.V. in Dresden in Verbindung gesetzt haben, davon haben 2 Betroffene die Unterstützung unserer Beratungsstelle in Anspruch genommen. Wir gehen von einer besonders hohen Dunkelziffer antihomosexueller Gewalt aus.

blu: Warum zeigen viele Gewalttaten gegen sie nicht an oder verschweigen den Zusammenhang zu ihrer Homosexualität?

Marianne Thum: Die Tatsache, daß es für viele Betroffene schon eine große Hürde bedeutet, Kontakt zu unserer Beratungsstelle aufzunehmen, zeigt bereits, wie groß die Barriere sein muß, den Angriff bei der Polizei anzuzeigen. Macht man die Erfahrung homophober Gewalt bekannt, ist man einmal mehr als Zugehöriger einer "Minderheit" in der "Mehrheitsgesellschaft" zu erkennen. Dies kann weitere Stigmatisierung und Diskriminierung zur Folge haben.

blu: Wie können Sie den Betroffenen helfen?

Marianne Thum: Ganz wichtig ist unser vertrauliches Gesprächsangebot in einem geschützten Rahmen. Diese Gespräche können in unserem Büro oder an einem anderen Ort stattfinden, wir richten uns da nach den Wünschen der Betroffenen. Wir bieten Begleitung bei der Anzeigenerstattung zur Polizei und Staatsanwaltschaft an. Wir bieten unsere Büroadresse als ladungsfähige Anschrift an, damit die Privatanschrift der Betroffenen nicht in der Ermittlungsakte erscheint und somit dem Tatverdächtigen nicht bekannt wird. Das kann hilfreich sein, wenn Betroffene nach einer Anzeigenerstattung Angst vor Rache haben. Wir vermitteln rechtliche Informationen und anwaltliche Vertretung, wir unterstützen bei der Durchsetzung von Ansprüchen gegenüber Behörden, wir begleiten zu Gerichtsverhandlungen, wir organisieren finanzielle Unterstützung.

Bei all dem ist es wichtig zu betonen, daß die Grenzen der Betroffenen gewahrt bleiben und allein deren Bedürfnisse und Entscheidungen Maßstab unseres Handelns sind. Eine Kontaktaufnahme zu unserer Beratungsstelle bedeutet auf keinen Fall, eine Strafanzeige erstatten zu müssen.

Wir möchten diese Gelegenheit nutzen, Betroffene und potentiell Betroffene zu ermutigen, sich persönlich bei uns über ihre Rechte und Möglichkeiten zu informieren.

Vielen Dank für das Gespräch

Kontaktmöglichkeiten:
Opferberatung des RAA Sachsen e. V.
Marianne Thum
Telefonnummer: 0351-8894174

Landeskriminalamt Sachsen
Sylvia Drescher-Stock
Telefonnummer: 0351-8552226

Polizeidirektion Dresden
Opferschutzbeauftragte Kerstin Weber
Telefonnummer: 0351-4832325

Gerede e. V.- Beratung
Telefon 0351-8022251
Beratung Mädchen und Frauen: Morena Gutte
Beratung Jungen und Männer: Falk-Peter Scholz
Beratung Transgender: Friedrich Hilbert

Gewalt gegen Schwule und Lesben