Nach dem CSD sprach blu mit Jürgen Kiesslich vom CSD-Dresden e.V.

blu: Zunächst erst einmal danke an den CSD Dresden e.V. für den gelungenen Feiertag, der in diesem Jahr wohl leider etwas kleiner ausfiel. Es fehlte u.a. der traditionelle Wagen von SchLaU, auch die Zahl der Demoteilnehmer war nach unserer Schätzung geringer als 2007. Woran lag das?

Jürgen: Nun, wir würden nicht sagen, daß der CSD in Dresden seitens der Community kleiner ausgefallen ist. Schließlich geht auch die Polizei, und von denen nehmen wir immer die offiziellen Zahlen, davon aus, daß es wieder 2.200 Demo-Teilnehmer und ca. 5.500 Teilnehmer auf dem Straßenfest waren.

Richtig ist, daß wir dieses Jahr weniger Wagen zur Demo hatten. Aber das liegt nicht in unserem Verantwortungsbereich, weil wir nur die Plattform zur Verfügung stellen können. Aber wenn z.B. der NastyLoveClub sowie SchLaU es aus zeitlichen Gründen nicht schafft oder die CDU zu sehr im Wahlkampf steckt, dann können wir zwar mahnen, appellieren und bitten - aber machen können wir dies für die anderen nicht. Ist eben überall dasselbe: es fehlt an Freiwilligen, die etwas machen wollen. Und wir haben nicht das Geld, Leute dafür zu bezahlen, den CSD, die Demo oder das Straßenfest zu organisieren.

blu: Das das Programm beim Straßenfest bekam in manchen Online-Foren ziemlich viel Kritik ab. Was sagt Ihr zu den Reaktionen, was könnte man verbessern?

Jürgen: Das Erstaunliche und Schöne für uns ist, das wir Kritik bekommen. So beweist man uns, daß man den CSD wahrgenommen und sich damit auseinandergesetzt hat. Grundsätzlich nehmen wir jede Kritik ernst, soweit sie niemanden persönlich angreift oder beleidigend ist. In manchen Foren ist aber der gute Ton verloren gegangen und das sind dann genau die selben, die sich in der Community nie engagieren. Aber mal ehrlich, 10 Leute, die kritisieren und dagegen 5.500 die Spaß hatten. Jedem Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.

Wir dürfen eben nicht vergessen, mit mehr Leuten und mehr Geld können wir auch viel mehr, viel besseres und viel größeres bereitstellen. Aber wir haben weder das eine, noch das andere. Und dafür, daß die Stammorganisatoren das ehrenamtlich in ihrer Freizeit unentgeltlich machen, Hut ab und großes Danke an alle.

Um mal ein Beispiel zu nennen: Letztes Jahr wurde gesagt, das Programm ist zu translastig - das haben wir geändert. Es wurde kritisiert, daß Außenstehende zu wenig den CSD erkennen - dieses Jahr mußte jeder Stand und jeder Wagen das CSD-Logo sichtbar groß dran haben - wir haben also Kritik umgesetzt und machen das auch weiter. Aber eben konstruktive Kritik.

blu: Die politischen Losungen und Forderungen waren beim CSD 2008 nicht ganz so deutlich zu erkennen wie im Vorjahr. Ist der Dresdner CSD noch eine politische Veranstaltung oder wird er mehr und mehr zu einer großen Straßenparty wie in Berlin oder Köln?

Jürgen: Im Gegenteil. Wir meinen, daß der CSD in Dresden - und das haben wir auch dieses Jahr wieder vor Ort von angereisten Touristen gesagt bekommen - eben noch viel politischer als in "großen" Städten ist. Das liest man auch in den Foren - die Demo war viel politischer, weil weniger Wagen, mehr gelaufen werden mußte. Letztendlich ist für die Community immer wichtig - wie man aus diversen Umfragen weiß - daß neben der Präsenz und dem politischen Charakter auch der Spaß gehört. Wir versuchen hier eine gesunde Mischung hinzubekommen und aus den mangelnden Kritiken - wir werden ja eher selten gelobt - wissen wir, daß wir es wieder gut hinbekommen haben. Sicher, es wird immer besser, größer und schöner - aber dafür braucht es auch mehr Unterstützung und mehr Engagement. Denn eines ist immer für alle wichtig: Wir stellen nur die Plattform zur Verfügung. Ausfüllen muß die Community, jeder einzelne, den CSD schon selbst. Den Rahmen bieten wir - den Inhalt die lesbisch-schwul-trans-Community.

blu: Wir danken für das Gespräch.

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