Schlagzeilen wie "HIV-Prävention in der Krise", "Tabletten statt Kondome" bis hin zu "Nicht übertragbar?" kursierten in Deutschlands Zeitungen. Anfang 2008 prescht die Schweizerische Ärztezeitung mit einem Beitrag "HIV-infizierte Menschen ohne andere STD sind unter wirksamer antiretroviraler Therapie sexuell nicht infektiös" vor. Im Januar hat die Eidgenössische Kommission für Aidsfragen (EKAF) in Bern neue Empfehlungen zur Bewertung der Infektiosität von HIV-infizierten Menschen veröffentlicht, die unter einer wirksamen antiretroviralen Therapie (ART) stehen. Die EKAF kommt zu dem Ergebnis, daß HIV-Infizierte das Virus über Sexualkontakte nicht weitergeben können, solange nebenstehende Bedingungen erfüllt sind.

Bedingungen für Sexualkontakte ohne Kondom:

  • die antiretrovirale Therapie wird eingehalten und durch den behandelnden Arzt kontrolliert
  • die Viruslast liegt seit mindestens sechs Monaten unter der Nachweisgrenze
  • es bestehen keine Infektionen mit anderen sexuell übertragbaren Erregern (STD)

Was heißt das nun für das Risikomanagement? Die Schweizer verweisen darauf, daß unter den genannten Bedingungen auf das Kondom zu verzichten, ausschließlich in eine feste Beziehung gehöre, daß beide Partner gut informiert sein müssen, daß es Regeln für den Umgang mit sexuellen Kontakten außerhalb der Beziehung geben und daß die Entscheidung über den kondomlosen Sex beim HIV-negativen Partner liegen muß. Für anonyme und Gelegenheitskontakte dagegen wird weiterhin der Kondomgebrauch empfohlen mit Hinweis auf die Eigenverantwortung für die Gesundheit.

Warum schlägt in Deutschland der Beitrag so hohe Wellen? Es scheint ein großes Bedarf zur Diskussion der bisherigen Safer-Sex-Botschaften zu geben, was auch in der Arbeit der AIDS-Hilfe Dresden ebenfalls festgestellt wurde. Umfragen belegen, daß die große Anzahl der Männer, die Analverkehr (dieser gilt als hoch riskanter Kontakt bei HIV-Übertragung) mit Männern praktizieren, ein Kondom benutzen. Sie tun das aber nicht regelmäßig. Analverkehr ist nur bei sexuellem Kontakt mit einem HIV-Positiven infektionsrelevant. Schwule haben in den letzten Jahren eine "Technik" entwickelt, den Wunsch nach kondomlosen Sex ohne relevantes Risiko umzusetzen. Diese Form wird als "Serosorting" bezeichnet. Diese Technik hat Schwächen, weil man über den Serostatus, also ob jemand infiziert ist oder nicht, getäuscht werden kann. Bringt man nun die Schweizer Aussagen zur Thematik Viruslast hinzu, kann diese Technik vielleicht für ein lebensnahes Sexualverhalten beitragen.

Die aktuelle Frage ist, wohin Präventionsbemühungen gehen sollen. Das bisherige Konzept in Deutschland ist die "strukturelle Prävention". HIV-Negative und -Positive werden gleichermaßen in die Prävention einbezogen und deshalb gilt es zu reagieren, um Fakten realistisch darzustellen und Mythenbildung entgegenzuwirken. Ein Mythos wird durch die Schweizer Debatte widerlegt: die Ansteckungsgefahr, die von positiv Getesteten ausgeht, ist nicht der entscheidende Faktor und gemäß der Schweizer Empfehlung vernachlässigbar, wenn die drei genannten Bedingungen gelten. Doch die bisherigen Ängste gegenüber Menschen mit HIV haben dazu geführt, daß diese Menschen in fast allen Lebensbereichen stigmatisiert werden. Es gibt nun eine große Chance, daß sich gesellschaftlich etwas ändern kann. Ein weiterer Aspekt muß in eine Forderung an die Politik münden: die strafrechtliche Situation, die davon ausgeht, daß Sex ohne Kondom eine Körperverletzung darstellt, muß verändert werden.

Mittlerweile erweist sich, daß der regelmäßige Test als eines der primärpräventiven Mittel gesehen werden kann. Die späte Diagnose einer HIV-Infektion führt zu ungünstigerem Krankheitsverlauf und trägt möglicherweise zur Verbreitung bei (siehe auch www.hiveurope2007.eu).

Der Artikel entstand unter redaktioneller Betreuung durch AIDS-Hilfe Dresden e.V. Weiteres unter www.aidshilfe-dresden.de

Neue Wege in der Prävention?