Kommentar

Die Zeiten, als Klaus Wowereit im Wahlkampf um das Berliner Oberbürgermeisteramt im Jahr 2001 sein Outing zu einem Medienspektakel machen konnte, der Hamburger Oberbürgermeister Ole von Beust sich zwei Jahre später von Koalitionspartner Ronald Schill angeblich einen Erpressungsversuch um seine Sexualität bieten lassen musste, der mit dem Bruch der Koalition endete und als sich der kürzlich in Schwarz-Gelb hineingewählte Guido allein damit die Titelseite der "BILD" sichern konnte, als er zu Angela Merkels 50. Geburtstag mit seinem Lebensgefährten erschien, scheinen vorbei.

Erstmals in der deutschen Geschichte traten im August in Köln mit den Spitzenkandidaten beider bürgerlicher Parteien zwei offen Schwule im Rennen um das Oberbürgermeisteramt einer deutschen Großstadt an - auch wenn es am Ende gegen den - schwulenfreundlichen - Kandidaten von SPD und Grünen nicht gereicht hat. In München stellt die "Rosa Liste", die mit den Grünen eine Fraktionsgemeinschaft bildet, seit 1996 in Koalition mit der SPD die Regierungs-Koalition im Rathaus der bayrischen Landeshauptstadt und niemanden interessierts- Obama ist schwarz, andere sind eben schwul.

Früher hat Oscar Wilde seine sexuelle Orientierung noch die Freiheit gekostet, Magnus Hirschfeld die Heimat, Tschaikowski die Nerven und Gianni Versace das Leben. Boy George, Madonna und Alexander der Große dagegen wurden durch den offensiven Umgang mit homosexueller Thematik erst so richtig zu Legenden. George Michael wurde auf der Flughafentoilette in Los Angeles nicht verwöhnt, sondern verhaftet, John Wayne und James Dean führten zeitlebens ein Doppelleben, Freddy Mercury und Rock Hudson bekannten sich erst kurz vor ihrem AIDS-Tod zu ihrer Homosexualität.

Ricky Martin hat sich kürzlich als bisexuell geoutet und Brad Pitt will Angelina solange nicht heiraten, "bis das nicht auch George Clooney und sein Partner legal tun können". Marc Jacobs und Elton John durften es bereits, Peter Plathe ist schon wieder geschieden und Volker Beck verwitwet. Hape Kerkeling und Alfred Biolek wurden unfreiwillig durch Regisseur Rosa von Praunheim geoutet, heute sind sie die deutschen Vorzeige-Schwulen und engagieren sich vielfältig innerhalb und außerhalb der Community.

Weniger bekannt sind nach wie vor herausragende Lesben der Zeitgeschichte, da Frauen lange Zeit ein Schattendasein in der Öffentlichkeit führen mussten und die Lesbenszene bis heute innerhalb der Frauenbewegung fester Bestandteil ohne klare Abgrenzung und ohne der Schwulenszene vergleichbare Symbole, Kultur und Gemeinschaftsgefühl geblieben ist. Was zudem für heterosexuelle Männer oft nur eine geile Fantasie ist, hat mit echtem Lesbischsein meist wenig zu tun, wie nicht nur die russischen Pseudo-Lesben von "t.A.T.u" und regaleweise angeblicher Lesbenpornos in Erotik-Videoverleihen zeigen.

In Japan ist es genau umgekehrt, dort überschwemmen seit einigen Jahren Yaois - schwule Comics - den Markt, sind vor allem bei Frauen der Renner und beherrschen inzwischen auch hierzulande die Manga-Regale.

Marlene Dietrich, Greta Garbo, Hella von Sinnen, Helga Hahnemann, Anne Will, Ulrike Folkerts und Bettina Boettinger sind wohl die bekanntesten deutschen Teil- und Vollzeit-Lesben, um diverse hochrangige Politikerinnen wie Bundesforschungsministerin Annette Schavan, die Dresdner Oberbürgermeisterin Helma Orosz und die litauische Staatspräsidentin Dalia Grybauskaite ranken sich immer wieder Gerüchte und - wo sonst - war mal wieder das liberale Island das erste Land der Welt mit einer offen lesbischen Regierungschefin.

Mittlerweile gibt es unzählige schwul-lesbische Onlineforen und -Communities, queere Magazine, Radiosender und seit 2008 mit "TIMM" auch einen schwulen TV-Sender.

Da in der Öffentlichkeit ausgelebte Homosexualität in den großen Städten kaum noch jemanden zu provozieren vermag, sich Schwule schon lange nicht mehr nur aufgrund ihrer gemeinsamen Sexualität über einen Kamm scheren lassen wollen, sondern genau wie Heterosexuelle vor allem Individuen mit unterschiedlichen Hobbys, Talenten und Interessen sind, verlieren viele der großteils identischen Gay-Bars und -partys zunehmend ihre Funktion als Reservate, dazu kommt, dass sie auch als Kontaktbörsen längst vom Internet abgelöst wurden.

Schwulsein polarisiert nach wie vor und rückt Menschen ins Abseits - heutzutage jedoch vor allem diejenigen, die sich durch steinzeitliche Äußerungen darüber als pervers zu erkennen geben.

mb

Jeder nach seiner Façon