Beim 16. Leipziger Lesbentreffen geht es programmatisch um "eine Entscheidung", lesbisch zu sein bzw. offen als Lesbe zu leben. Wie frei ist diese Entscheidung und hat man überhaupt eine Wahl?

Kathrin Darlatt (Gleichstellungspolitische Referentin, Stadt Leipzig): Ich denke, lesbisch sein oder lesbisch empfinden bedarf keiner Entscheidung, lesbisch leben allerdings schon. Ob im Alltag oder im Berufsleben, es erfordert fast immer eine Entscheidung zum "Bekenntnis" von lesbischen Lebenszusammenhängen oder für ein Verschweigen der Identität. Die meisten Menschen gehen von sich aus und kommen überhaupt nicht auf die Idee, dass ihr Gegenüber andere Beziehungsmuster als die üblichen, vorgegebenen lebt. Da kann es eben vorkommen, dass die Hausärztin Lebenspartnerinnen für Schwestern hält, weil sie einen gemeinsamen Namen haben, obwohl sämtliche objektiven Fakten dagegen sprechen. Und dann ist es eine Entscheidung, ob sie sich erklären oder es genervt bei dem Missverständnis belassen. Im Berufsalltag kann eine Entscheidung allerdings weitreichende Folgen haben. Die HuK, empfiehlt nach wie vor kirchlichen Arbeitnehmerinnen im katholischen Bereich beim Eingehen einer Lebenspartnerschaft vorsichtig zu sein und ggf. Sorge zu tragen, dass der Arbeitgeber nichts davon erfährt, denn die katholische Kirche entlässt alle Beschäftigten, die eine Lebenspartnerschaft eingehen. Das zeigt, manche haben keine Wahl, wenn sie ihre wirtschaftliche Existenz nicht aufs Spiel setzen wollen.

Sind Lesben (und Schwule) heutzutage in der Gesellschaft so akzeptiert, dass frau (man) selbstbestimmt und offen leben kann?

Die Frage kann ich pauschal so nicht beantworten. In Großstädten ist ein selbstbestimmtes offenes Leben sicherlich einfacher als in ländlichen Gebieten - das richtet sich aber immer nach ganz persönlichen, individuellen Voraussetzungen und Ansprüchen. In den letzten zwanzig Jahren haben wir eine Menge an rechtlichen Benachteiligungen beseitigen können. Medial sind Lesben und Schwule auch viel präsenter und nicht mehr nur im Comedy-Bereich als Lachnummer anerkannt. Jedoch darf nicht außer acht gelassen werden, dass sich Einstellungen und Empfindungen nicht über staatliche Verordnungen verändern. Das schmerzliche an der Diskriminierung, ist ja eigentlich die undifferenzierte Abwertung des Ego oder das Abwenden von nahestehenden Personen. Deshalb finde ich solche Veranstaltungen wie das "LeLeTre" außerordentlich wichtig, weil genau diese Probleme in all ihren Dimensionen beleuchtet werden, aber auch das Schöne, das Avantgardistische oder Konservative an Lesben ins Licht gerückt wird. An dieser Stelle sei den Frauen des Frauenkultur e.V. gedankt, die jedes Jahr mit viel Kreativität, wenig Geld und enormer Energie ein tolles Programm aus dem Boden stampfen.

Das LeLeTre ist das Festival lesbischer Lebenskunst - was ist das eigentlich "lesbische Lebenskunst"?

Das ist ganz einfach die Kunst lesbisches Leben zu leben, das heißt, lesbisches Leben zu erfinden, lesbisches Leben zu diskutieren, lesbisches Leben zu zelebrieren, lesbisches Leben zu interpretieren oder lesbisches Leben zu rezipieren.

Was erwartet die Besucherinnen in diesem Jahr?

Natürlich wie immer eine lange lesbische Filmnacht, Podiumsdiskussionen zu brisanten Themen, wie z.B. Vom Kinderwunsch zum lesbischen Familienglück oder zum Mütterkonflikt? Lesben in der Kirche oder Lesben mit Behinderungen, Aktives und Interaktives zur Thematik "Was Lesben mögen". Außerdem gibt es rechtliche Tipps für alle lesbischen Lebenslagen, einen Comicworkshop und praktische Anregungen für die kleinen Ekstasen im Alltag. Doch das absolute Highlight ist natürlich der Auftritt der Königinnen: Les Reines Prochaines. Alles in allem ein wunderbarer Mix aus Politik, Alltag und Party.

Interview zum LeLeTre