positiv in jeder Hinsicht

Martin Sich als HIV-positiv zu outen, ist irgendwie dem Outing als Schwuler oder Lesbe ähnlich. Es gibt nach wie vor große Berührungsängste und eine noch größere Unwissenheit. Deshalb muss man psychologisch vorgehen - aus Rücksichtnahme auf seine Mitmenschen, und sich selbst. Die Reaktionen der Menschen, bei denen man seine Infektion preisgibt, spiegeln nämlich wieder, wie derjenige selbst dazu steht. Jemanden in eine Demutshaltung voller herzzerreißender Mitleidsbekundungen zu drängen, ist eher grausam als nützlich. Und das hilft dir selbst ja auch nicht weiter.

Ich selber habe bisher keine einzige negative Reaktion erlebt, obwohl ich mich schon mit fast allen in meinem Bekanntenkreis über meine Infektion unterhalten habe. Der schonendste Weg, es seinen Mitmenschen beizubringen, ist meiner Erfahrung nach durch die Hintertür, indem man das Thema HIV in einen scheinbar belanglosen Kommentar verpackt ins Gespräch einschleust oder das allgegenwärtige Thema Medikamente als Aufhänger benutzt - irgendwas nimmt schließlich jeder.

Indem man cool bleibt, zeigt man, dass jede Aufregung unangebracht ist und verhindert damit, dass die Situation außer Kontrolle gerät, weil das Gegenüber sich zum Beispiel aus Pflichtgefühl zu Heulkrämpfen oder anderen Solidaritätsbeweisen genötigt sieht. In dieser unaufgeregten Atmosphäre kann sich der andere dann behutsam an das Thema herantasten, Fragen stellen und sich langsam in die völlig normale Alltagssituation eines Positiven hineinversetzen - viele wurden nämlich noch nie oder nur in Form von kontraproduktiver Panikmache mit dem Thema HIV konfrontiert, deshalb kann man sie nicht einfach ins kalte Wasser stoßen und sich selbst überlassen.

Jeder Positive trägt also die Verantwortung, durch bloße Natürlichkeit Aufklärungsarbeit zu leisten und sich dadurch die Normalität zu schaffen, in der er leben möchte. Jeder einzelne kann mit gutem Beispiel vorangehen, ob schwul, ob lesbisch, ob positiv oder weil er drei Brüste hat, die im dunkeln leuchten.

Einen entspannten September wünscht Martin

Kommentar des Monats