Der schöne Schein

Sie sind Göttinnen und die Lust ist ihr Geschäft. Ich treffe mich im "Zora", der durchgestylten Cocktailbar direkt neben dem Travestie Revue Theater, mit fünf der Diven auf einen Drink.

"Wir hatten gerade eine besonders lange Show, haben zwei Nummern zusätzlich aufgeführt", erfahre ich von Gorden, der im Carte Blanche künstlerischer Leiter ist. Selber steht er auch auf der Bühne, als "Miss Chantal" tritt er im gesamten deutschsprachigen Raum auf.

Nach und nach treffen auch die anderen Darsteller ein. Die Gesichter sind ungewohnt, denn sie sind bereits abgeschminkt und sehen deshalb wie andere Männer auch aus. "Die Verpackung ist wichtig", klärt mich Mick auf, der in Dresden von Anfang an dabei ist. Zu Beginn in der Gastronomie, dann in der Show als "Donna". Außerdem ist der gebürtige Kroate als Designer für die spektakulären Bühnenoutfits verantwortlich. "Wir schauen uns die Leute genau an, dann gibt es erstmal eine Weile Training, bevor sie bei uns auf die Bühne dürfen", betont Thomas, alias "Stephanie Colbert", die Professionalität des Theaters. "Wir machen das ja hier alle hauptberuflich, ich hätte gar keine Zeit mehr, im Queens an der Bar zu stehen", ergänzt Ben, der dort früher auch als "Schlagertranse" aufgelegt hat, aber seit 2005 als "Nita Queens" nur noch im Scheinwerferlicht von Dresdens erstem Travestietheater steht.

Da ich in der Runde ausschließlich von Männern umgeben bin, spreche ich das Thema Geschlechtsumwandlungen an, stoße mit der Frage allerdings nicht auf Gegenliebe. "1994 haben sie mir die Mandeln rausgenommen, das kann ich Dir zum Thema Operationen sagen", scherzt Ben, der in den Shows auch für die Musik zuständig ist, "alles andere ist ja wohl Privatsache."

Insgesamt herrscht im Ensemble eine perfekte Arbeitsteilung, jeder hat seine Stärken und Talente. "Das hat sich so ergeben, ist aber so auch ganz praktisch", erklärt mir Mick. Auf meine Frage, wo man die Kostüme kaufen kann, erfahre ich von Thomas: "Das machen wir hier alles selber. Christian ist beispielsweise für Federschmuck, Federkragen und Kopfputze zuständig." Christian steht als "Dusty Rose" auf den Brettern, die Travestie bedeuten und geht mit gutem Gewissen detaillierter auf das Gefieder ein: "Kein einziger Schwan muß für unsere Kostüme sterben, die Federn stammen von Straußen und wachsen einfach wieder nach." Kein unwichtiges Detail, immerhin war Chef-Drag Gorden früher Tierschützer. "Jeder sollte ein Spezialgebiet haben", meint Thomas, "mindestens selber schminken muß man sich aber auf jeden Fall können", fügt er hinzu. Da er seit mittlerweile 25 Jahren Travestie macht, erhoffe ich mir Make Up-technisch ein paar heiße Tipps, aber das bleibt größtenteils Berufsgeheimnis. "Theaterschminke ist größer, dicker, fester, da trägst Du tausend Schichten auf" und Gorden ergänzt: "Wir wollen uns ja nicht als Clowns schminken, Travestie stellt da schon ihre eigenen, besonderen Anforderungen. Außerdem glänzt man weniger im Bühnenlicht."

Im Juli findet anläßlich des 25-jährigen Geburtstags von "Carte Blanche" bei den Filmnächten am Elbufer übrigens das zweite große Sommer Open-Air statt - fast 5 Stunden lang wird mit über 25 Stargästen eine komplett neue Show aufgeführt. "In Dresden sind wir ja schon seit 2003, vorher sind wir durch Deutschland getourt", blickt Thomas zurück, der seit 1997 der Truppe angehört "und unsere Gäste kommen aus der ganzen Welt." "Genau wie unsere internationalen Stars, die für die Show als regelmäßige Highlights wie der Puderzucker auf dem Kuchen sind", fügt Ben hinzu. Zu den Erweiterungsplänen des Theaters erfahre ich außer dem möglichen Standort Saloppe leider noch keine Details - "soll ja spannend bleiben", übt sich Gorden in Verschwiegenheit. Kurz vor Mitternacht verlassen wir schließlich die Bar, der Männerabend ist zu Ende, doch die Show wird weitergehen.

mb

VIP-Interview