Kommentar

Die ersten 100 Tage des 17. Deutschen Bundestags sind vorüber und erstmals in der deutschen Geschichte bekleidet mit Guido Westerwelle ein offen Homosexueller das Amt des Vizekanzlers und Außenministers. Er ist nicht der einzige aber trotzdem nur einer von wenigen, denn unter den sechshundertzweiundzwanzig Abgeordneten gibt es - statt der geschätzten rund 60 - lediglich elf, die sich dem Wähler offen queer zeigen, nämlich neun Schwule und zwei Lesben. Immerhin elf, die beweisen, dass man auch wählbar bleibt, wenn man geoutet ist, denn dieser Schritt verlangt Selbstbewusstsein und Mut zur Wahrheit, was in der Öffentlichkeit honoriert wird. Neben sechs Vertretern aus Nordrhein-Westfalen und drei aus Baden-Württemberg bekennen Hamburg und Dresden mit jeweils einem Abgeordneten Farbe. Wobei der Osten mit Klaus Lederer, seit 2005 geouteter und verpartnerter Landeschef der Linkspartei in Berlin, zumindest nah dran war, noch einen weiteren Vertreter beizutragen.

Am stärksten präsent sind, wie zu erwarten, die Grünen mit fünf queeren Abgeordneten - darunter beide vertretene Lesben. Die FDP kann vier geoutete Schwule vorweisen und abgeschlagen auf dem dritten Platz folgen schließlich CDU und SPD mit je nur einem Regenbogenmandat.

Dass es viel mehr als diese elf gibt, ist bekannt, doch wollen sich die meisten nicht in der Öffentlichkeit erklären. Warum? Aus Angst, Angriffsfläche zu bieten? Aus Sorge, mit Authentizität Wählerstimmen zu gefährden? Oder weil es bequemer ist, öffentlich Moral und Ehrlichkeit zu predigen, statt sie selbst zu praktizieren und mit gutem Beispiel voranzugehen? Es zeigt sich, dass die vielbeschworene gesellschaftliche Toleranz selbst innerhalb des politischen Spektrums der Parteien ein noch sehr zartes Pflänzchen ist.

In Zeiten von Vorratsdatenspeicherung und Nacktscannern wird der Bürger ausgeleuchtet, doch im Bundestag herrscht Anonymität - über Sexualität redet man nicht, schon gar nicht über die eigene gleichgeschlechtliche. Gerade Politiker, die nicht einmal zu ihrer eigenen Sexualität stehen, sollten bei Abstimmungen nicht die Hand heben, um mit ihren Gesetzen bis in intimste Bereiche des Privatlebens ihrer Wähler einzudringen.

mb

Sex und der Bundestag