Schwul allein ist nicht abendfüllend

Interview mit Frank Lukas, Gründer, Geschäftsführer und Programmdirektor von TIMM TV

Hallo Frank, Gratulation zum einjährigen Senderjubiläum, wie habt Ihr das gefeiert?

Mit einer kleinen Mitarbeiter-Karaoke-Party und einem großen Kasten Bier. Schön war es!

Du betonst gerne, dass TIMM kein schwuler Sender sei, was ist er dann?

Ganz einfach: TIMM ist ein Sender für Schwule und das ein großer Unterschied. Wir zeigen eben kein schwules Programm sondern möglichst attraktiven Content mit hoher Relevanz für die Zielgruppe der schwulen Männer. Genau aus diesem Grund bedienen wir eben nicht die gängigen Klischees, sondern zeigen gerne auch mal Programme, die gar nicht so viel mit schwulem Lifestyle zu tun haben. "Schwul" allein ist nicht abendfüllend. Bei inflationärer Verwendung sogar mehr als nervig. Ich kenne auch niemanden, der jeden Tag von morgens bis abends in pinken Klamotten rum läuft. TIMM zeigt abwechslungsreiches Programm. Und das ist auch gut so.

Sind Berührungsängste mit dem Sender innerhalb der Community verbreitet, weil es viele noch nicht gewohnt sind, dass Schwule jenseits von Klischees und Randgruppendenken einfach so emanzipiert gezeigt werden, wie sie es längst sind?

Nein. Wir bekommen durchweg positives Feedback oder aber konstruktive Kritik, aber nie Berührungsängste als Feedback. Im Gegenteil. Ich freue mich immer wieder über den regen Input. Ich habe es bisher bei keinem anderen Sender erlebt, dass sich Zuschauer so stark mit einem TV-Sender identifizieren und vor allen Dingen mit den Machern sprechen. Und wir wiederum stehen immer freitags ab 20.00 Uhr bei timm.de im Chat zur Verfügung und beantworten übrigens auch fast alle Zuschriften. Dieser Input ist eine wichtige Basis für unsere weitere Planung. Natürlich verändert sich die Gesellschaft und damit auch die Außen- und Innenansicht schwuler Männer. Männer dürfen alles sein! Auch schwul. Aber auch tuntig oder aber total cool und butch. Und je mehr wie in der Normalität ankommen, müssen wir eben auch mit dieser leben. Wir sind inzwischen stark und emanzipiert genug und benötigen keinen Wattebausch mehr um uns herum. Wir brauchen uns für unsere sexuelle Identität nicht mehr zu schämen. Das ist ein großer Fortschritt. Es geht um Vielfalt und Toleranz der Unterschiede. Und trotz einiger Zwischenfälle sind wir in Deutschland damit ganz weit vorn. Das müssen wir sichern und ausbauen.

Zu Beginn sendete TIMM täglich sieben Stunden, seit Februar 2009 gibt es queere Information und Unterhaltung rund um die Uhr - war die Nachfrage abzusehen oder bist Du selbst überrascht?

Schwule Männer sind kritisch aber loyal. Die enorme Welle mit Sympathiebekundungen hat mich schon überrascht, vor allen Dingen aber angespornt. Daher wechselten wir früher als geplant auf den 24-Stunden-Betrieb. Aber wir haben uns auch viel für das nächste Jahr vorgenommen. Neue Programm und neue Services. Maßgeschneidert für schwule Männer.

Die zahlreichen fremdsprachigen Formate mit Untertiteln werden neuerdings in Einspielern als "Englisch-Kurs" bezeichnet - gibt es trotz sprachpädagogischer Absichten die Zielsetzung, schon bald alles synchronisiert auszustrahlen?

Das war lediglich ein Trailer mit satirischem Anspruch. Wir können ja Gott sei Dank auch noch über uns selbst lachen und das trotz Medienkrise. (lacht) Unser Ziel: Von 20.00 Uhr bis 23.00 Uhr möglich viele Formate in deutscher Sprache senden. Zu allen anderen Zeiten gerne auch mal Originalfassungen mit Untertiteln. Das kommt gut an. Schwule sind ja bekanntermaßen reiselustig und mit Fremdsprachen recht vertraut. Und der ein oder andere Wortwitz geht ja gerne mal bei einer Synchronisation flöten.

Aus der Zusammenarbeit mit Deiner Produktionsfirma south&browse heraus sind auch einige Eigenproduktionen entstanden. Sind dabei Mammut-Projekte wie die Casting-Show "Village Boys" eher der öffentlichen Meinung, der Quote oder der Community dienlich?

Hm, das ist so nicht korrekt. Wir arbeiten bei TIMM zur Zeit nicht mit der Produktionsfirma south&browse zusammen. Die Casting-Show "Village Boys" war eigentlich als kleine, lustige Karaoke-Show angedacht. Die Umsetzung gelang nicht immer. Casting-Shows in dieser Form wird es bei TIMM nicht mehr geben. Wir entwickeln zur Zeit aber einige sehr spannende Talk- und Spielshows.

Besonders die Nachrichtensendung "TIMM TODAY" wurde mehrfach runderneuert - ist die Programmstruktur inzwischen so gefestigt, dass nur noch wenig verbessert werden kann und muss?

Als ich am Anfang erzählte, ich plante eine Nachrichtensendung für Schwule, erntete ich jede Menge Kopfschütteln. Und tatsächlich: Diese einzigartige Sendung im deutschen Fernsehen erforderte Entwicklungszeit. So ist das nun einmal mit guten Ideen. (lacht) Jetzt sind wir inhaltlich mit TIMM TODAY recht zufrieden, was nicht heißt, dass wir nicht täglich daran arbeiten und uns verbessern wollen. Dahinter steht ein tolles TIMM TODAY-Team. Sowieso finde ich, dass wir gute Leute bei uns an Bord haben. Wenn sie mich nicht gerade zwingen, auf Mitarbeiter-Partys Karaoke zu singen ...

Ist die Fernsehbranche ein ständiger Veränderungsprozess oder verfolgst du eine klare Vision, und wenn ja, welche?

Fernsehen ist das Spiegelbild der Gesellschaft. Mehr oder weniger. Und zumindest wenn die öffentlich-rechtlichen Sender ihren Programmauftrag ernst nehmen würden. Die Abbildung von Minderheiten ist ein wesentlicher Bestandteil dieses Auftrags. Mit Quizshows und Telenovelas werden allerdings eher die privaten Sender nachgeäfft anstatt sich auf anspruchsvolle Formate zu konzentrieren. Es gibt viele Sendungen für die es sich lohnt, GEZ-Gebühren zu zahlen: Tagesschau, Tatort, 37° ... Aber es gibt eben auch viel Mist. Die großen, etablierten Sender sind ja inzwischen mehr oder weniger gleichgeschaltet. Niemand zeigt mutiges Programm, um möglichst keine Zuschauer zu riskieren. TIMM hingegen ist einzigartig, wir fokussieren uns auf ein kleines Segment mit einem speziellen Programm. TIMM trägt hoffentlich ein wenig zur Selbstverständlichkeit von Homosexualität bei. Das ist meine Vision: Neues Programm, frech und besonders, als eine attraktive Alternative zum bestehenden TV-Angebot.

Als crossmediales Unternehmen, das neben dem TV-Sender auch die Website, zwei Radio-Streams auf Radio.de, sowie den TIMM-Shop unter seinem Dach vereint, fehlt "TIMM" eigentlich nur noch ein Magazin oder? Auf welche Neuigkeiten dürfen die "blu"-Leser in den nächsten Monaten gespannt sein?

(lacht) Ein Printmagazin? Wir konzentrieren uns auf bewegten Content onair und online. Print könnt Ihr doch viel besser!

Danke für das Gespräch!

Das Interview führte Martin Bach

TIMM.