Ausgemergelt, vom Krebs zerfressen, Pflegefall – diese Bilder haben viele noch immer vor Augen, wenn sie das Wort Aids hören. Auch wenn das Massensterben hierzulande bereits Jahrzehnte zurückliegt, wird Aids noch immer in Schockkampagnen für Panikmache missbraucht. Doch wer sich heute mit HIV infiziert, hat nahezu die gleiche Lebenserwartung wie ein Negativer. Er kann durchaus eine hohe Lebensqualität beibehalten, denn im Falle konstanter Medikation bricht heute eben KEIN Aids mehr aus. Kerngesund bis auf ein Virus wollen viele HIV-Positive deshalb nicht mit Todkranken im Aids-Stadium gleichgesetzt werden. Wir fragten Jean-Luc Tissot von der Braunschweiger AIDS-Hilfe e. V., warum er es dennoch tut. •mb

Jean-Luc Tissot ist Projektleiter einer Aktion der Selbsthilfegruppe der Braunschweiger AIDS-Hilfe e. V., bei der sich vom 31.10.2009 bis 31.05.2010 acht BraunschweigerInnen auf einer Straßenbahn zu ihrer HIV-Infektion bekannten – unter dem Slogan „Aids braucht positive Gesichter“. Das Projekt erhielt am 15.06.2011 den Medienpreis der Deutschen AIDS-Stiftung.

WARUM SETZT DU HIV-POSITIVE MIT AIDS-KRANKEN GLEICH?

Genau gesagt beschreiben wir uns als Menschen mit Aids oder als Menschen mit HIV und Aids und nicht als Aids-Kranke! Das Eintreten des HI-Virus in das Leben eines Menschen ist immer ein einschneidendes Ereignis, auch heute mit der medikamentösen Behandlung der Infektion bleibt es ein bedeutsamer Eingriff in den Körper, den Geist und die Seele. Das Weglassen des Wortes „Aids“ zugunsten von HIV halten wir für eine Verharmlosung dieser Infektion und eine Ausgrenzung innerhalb der Betroffenen.

WAS SOLLTE DIE STRASSENBAHNAKTION BEWIRKEN UND WIE WURDE SIE AUFGENOMMEN?

Mit der Straßenbahnaktion sollte für einen „gesunden“ Umgang mit allen Betroffenen – Entstigmatisierung – und für einen selbstverantwortlichen Umgang mit dem Thema HIV/AIDS–Prävention – sensibilisiert werden. Die Aktion hatte eine sehr hohe Resonanz bei der Presse, lokal, regional und bundesweit, in Zeitungen, durch Radio und Fernsehen. Deshalb wurde die Aktion mit dem Medienpreis der Deutschen AIDS-Stiftung geehrt. In Braunschweig selber haben wir nur positive Reaktionen wahrgenommen, oft wurde die Aktion als „mutig“ und „nützlich“ empfunden. Für unsere Selbsthilfegruppe hat es eine sehr stärkende Wirkung gehabt. Die Braunschweiger AIDS-Hilfe wurde in der Region deutlich und mit dem Image einer emanzipatorisch-mutigen Bewegung sichtbar.

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Ausgefragt: Todes-Tram oder Schienen-Virus?