Die Community ist zu einem Schoßhund der Heterosexuellen verkommen. Traurig aber wahr. Prostitution gegenüber der Mehrheit. Wir lutschen den Gesellschaftspenis für eine warme Mahlzeit, haben unsere Ideale verraten, wurden eingemeindet vom Spießertum. Doch wie konnte es so weit kommen? Und vor allem: Erlauben wir uns selbst noch, anders zu sein? Sind wir noch „wir“? Als Teenager betrat ich mit meinem Coming Out eine neue Welt. Für mich schien es damals eine bessere Welt zu sein, denn endlich konnte ich mit allen gesellschaftlichen Konventionen brechen. Ich wollte nicht das Leben meiner Eltern führen, sondern anders sein, dagegen sein. Ich wollte ich selbst sein dürfen und Schwulsein bedeutete für mich Protest und ein Recht auf Narrenfreiheit. – Gott, war ich naiv! Denn inzwischen leben wir ja im 21. Jahrhundert. Anpassen ist angesagt.

Das beste Beispiel der schwulen Anbiederung ist für mich die eingetragene Lebenspartnerschaft. Löst doch die christlich vorbelastete Ehe und ihren zweitklassigen Abklatsch, diese lahme Ente, einfach auf und macht für alle etwas Neues daraus, so wie den Zivilen Solidaritätspakt (PACS) in Frankreich, der inzwischen sogar zu 95 Prozent von Heteros gestürmt wird, weil er eben nicht nur eine Light-Version für eine Randgruppe ist. Oder heiratet am besten gar nicht. Denn Liebe ist nicht nur die Verbindung zweier Menschen, geprägt durch einen Treueschwur. Echte Liebe braucht keine Ringe und Ketten und beschränkt sich nicht in Geschlecht oder Anzahl der Partner. Wofür standen denn einst Männer wie Boy George, Divine oder Oscar Wilde? All die schillernden und respektlosen Tunten der Vergangenheit? Sie haben auf ihre engstirnigen intoleranten Zeitgenossen gespuckt! Haben Grenzen überschritten und sich einen Dreck darum geschert, was die Nachbarn dachten. Doch heute würden sie auf uns spucken, wenn sie uns sehen könnten und das, was wir aus ihrem Erbe gemacht haben: diese ganze einfallslose, durchkommerzialisierte Lifestylepartyschickeria, pseudoschwule Hochglanzmagazine, Täschchen hier und Parfümproben dort, Marionetten der Werbemaschinerie und Konzerne, ziellos im Dauersuff umhertaumelnde Botoxleichen ohne Nasenscheidewand, frisch geliftet und nur noch von Klammern und Schrauben zusammen gehalten. In den 1970ern und 1980ern haben Schwule die Regenbogenfahne mit Absichten geschwenkt, trugen Symbole, die noch eine Bedeutung hatten. Kochten vor Wut, waren aktiv, sichtbar, laut. Sie ließen sich nicht als Medien-Clowns missbrauchen und hätten Missbrauch auch niemals mit Akzeptanz verwechselt. Sie haben provoziert und politisiert, hatten Visionen. Schwule waren eine Widerstandsbewegung, eine Alternative. Und heute? Wir hissen die weiße Fahne der Angepassten, der Besiegten, wollen nicht mehr auffallen, ziehen uns ins Private zurück. Wir finden nicht mehr statt. Sitzen im goldenen Käfig, gesellschaftlich allenfalls geduldet und geben uns einer trügerischen Idylle hin: Man lässt uns am Kopf der Tafel sitzen – aber auf einem Nagelbrett. Man fächert uns mit Palmwedeln Abgase zu und reicht uns vergiftete Weintrauben. Die Gesellschaft gibt uns lächelnd die Hand, desinfiziert sie sich aber hinterher. Und für all dies bezahlen wir auch noch und geben unsere Kultur, unsere Identität und unsere Freiheit auf. Ein schlechter Deal, ein sehr schlechter! Fangt an, euch euren pseudokonservativen Dildo aus dem Gesäß zu ziehen und euer Schwulsein vielleicht öfter als Chance zu betrachten, neue Wege zu beschreiten und nicht als gesellschaftliches Hindernis. Amen.

Eure Emmanuelle Cunt

Schwule am Scheideweg