Der 16jährige Martín steckt wie viele seiner Freunde mitten im Sturm und Drang der Pubertät. Doch während diese keine Gelegenheit auslassen, um an jeder Straßenecke mit Mädels herumzuknutschen, bleibt sein Auge an behaarten Körpern in knappen Badehosen hängen. Verstohlene Blicke unter der Dusche nach dem Schwimmunterricht, beim Umziehen in den Umkleidekabinen. Ein unkontrollierbarer Hormonrausch, bei dem es ihm vor allem sein Sportlehrer Sebastián angetan hat. Tiefer und tiefer dringt der Teenager in die Privatsphäre des Erwachsenen ein und entspinnt dabei ein perfides Netz aus Nähe und Abwesenheit, Schweigen und Lüge, Anziehung und Bedrohung. Sich wohl bewusst, dass er den hilfsbereiten Pädagogen zunehmend kompromittiert. Unter einer Reihe von fadenscheinigen Vorwänden erschleicht sich Martín schließlich eine Nacht in Sebastiáns Wohnung. Sein Plan ist dabei kaum subtil zu nennen. Mal läuft er nur mit einem verrutschenden Handtuch bekleidet an der offen stehende Wohnungstür vorbei, sichtlich erkennbar für die Nachbarin, mal liegt er einladend und fast nackt auf der Couch. Doch Sebastián widersteht den eindeutigen Avancen, beginnt aber seine eigene Sexualität in Frage zu stellen. Während er endlich denkt schlafen zu können, geht Martín aufs Ganze... Schon mit seinem bravourösen Erstling „Plan B“ (2009) bestach der südamerikanische Regisseur Marco Berger durch seine subtile Schilderung von Tabubrüchen und der Sehnsucht zwischen Männern.
Ein Verlangen, das vor allem in dem vom Machismo geprägten Land Argentinien ein heikles Thema bleibt, trotz voranschreitender Liberalisierung und gesetzlicher Einführung der gleichgeschlechtlichen Eheschließung im Jahr 2010. In seinem neuesten Werk „Ausente“ untersucht der offen schwule Filmemacher auf mutige, fesselnde und innovative Weise das sexuelle Verlangen eines Jugendlichen und die Reaktion seines Schutzbeauftragten auf die ihm entgegengebrachten Gefühle. „Es geht diesmal nicht um einen Erwachsenen, der einen Minderjährigen missbraucht“, so Berger, „sondern um einen Jungen, der mit einem Erwachsenen spielt und genau weiß, dass dieser Grenzen überschreitet. Dabei wird nicht verurteilt, sondern der Versuch unternommen, zu verstehen. In erster Linie das Wesen des Begehrens zu erforschen und herauszukriegen, wie man sich in einer derart verwirrenden Lage verhalten sollte.“ Provokant wird das klassische Täter‐ Opfer‐ Profil auf den Kopf gestellt. Es ist geradezu erschreckend mitanzusehen, wie sehr der Schüler sein Spiel genießt, genüsslich Tabus bricht und seinen Trainer in ein bizarres Abhängigkeitsverhältnis zieht – und dieser sich fast widerstandslos ergibt. Faszinierend dabei zu beobachten, die grandiose Körpersprache und Mimik der beiden wunderbaren Hauptdarsteller Carlos Echevarría (Sebastián) und Javier De Pietro (Martín), der eine ernst, erschlossen und unergründlich, der andere begehrend, unsicher und wagemutig. Alles scheint möglich. Von Sex bis Erpressung, von Missbrauch und Gewalt, von Liebe bis … „Ich habe bewusst Thrillerelemente eingesetzt“, sagt Berger weiter, „um die der Beziehung innewohnenden Gefahr zu ergründen“. Die Hitchcockgleiche Spannung wird verstärkt von einer förmlich unter die Haut kriechenden Kamera, die ab der ersten Einstellung gleich einem begierigen dritten Auge über jeden Muskel, jedes Haar und jeden Schweißtropfen wandert, und einem fast schon unheilvollen Musikteppich, der die außergewöhnliche Geschichte unwillkürlich bis zum Siedepunkt vorantreibt. Marco Berger, der auch hier das Drehbuch schrieb, gelingt ein furioses, atmosphärisch dichtes und zeitgemäßes Melodram, das weit über die klassische und zuweilen stereotypische Coming-‐ Out-‐ Schüler- ‐ Lehrer-‐ Thematik hinausgeht. Neben seinem aufsehenerregenden, durchgängig erotischen Tenor wirkt „Ausente“ nicht nur extrem glaubhaft und offen für eine ganze Reihe von Interpretationen, es ist auch ein poetisches und einfühlsames Werk, das am Ende zu Tränen rührt. Ausgezeichnet mit dem Teddy Award 2011 als bester Spielfilm für seine „einzigartige Kombination aus homoerotischem Begehren, Ungewissheit und dramatischer Spannung, die das feine Verständnis der Genre-‐ Konventionen und kinematographischen Sprache des Regisseurs reflektiert“.

Jetzt im Kino: Ausente