Leider ist dies nicht nur der Titel eines bekannten ostdeutschen Liedes von Neumis Rock Circus, sondern auch ein ernsthaftes Problem in der heutigen Welt. Ein Großteil kann sich folgende Szenerie sicher vorstellen, oder fühlt sich gar angesprochen. Man selbst ist homosexuell und stellt für sein heterosexuelles Umfeld den lustigen, aufmerksamen, immer fröhlichen besten Freund dar. Gut gelaunt, gestylt und mit einem stets off enem Ohr, bildet man die erste Anlaufstelle für seine Freunde. Sei es für Partys, oder in Situationen des Kummers. Vielleicht wurde gerade deswegen das Wort „gay“ linguistisch gewählt, um unseren Lebensstil auszudrücken?

Denn „gay“ bedeutet ursprünglich lebenslustig und fröhlich. Genau wie der gespielte Charakter eines Clowns. Doch genau hier setzt bereits eine Trennung zur Ursprungsbedeutung an. „Gay“ beschreibt heute einen gesellschaftlichen Stil. Einen homosexuellen Lebensstil. Und dieser ist keineswegs unkritisch zu betrachten, da er automatisch eine rhetorische Trennung zur Majorität, die der Heteros, herauskristallisiert. Dieser Trennung soll später noch eine größere Bedeutung zukommen. Doch zuvor stelle ich mir selbst die Frage, ob wir lebenslustig und froh sind, oder es nur vorgeben zu sein? Wenn wir es nicht sind, wieso spielen wir es? Spricht man in einer heterosexuellen Gesprächsrunde über Schwule (weniger über Lesben), so sind es doch noch immer Vorurteile, die ihren Charakter und ihre Lebensweise beschreiben sollen. Geschlechtskrankheiten, gefährliche sexuelle Praktiken, Polygamie, Pädophilie, Drogenabhängigkeit, oder die Unfähigkeit längerfristige Beziehungen zu führen, sind nur wenige Schlagworte, die dort fallen können. Für mich sind dies weder Inbegriff e von Fröhlichkeit, noch von Akzeptanz der Homosexualität. Es genügt zu erwähnen, dass wir als Schwule noch längst nicht mental in den Köpfen aller Menschen integriert sind. Diese Erfahrung musste wahrscheinlich jeder von uns, mindestens einmal, machen. Es ist auch nicht mein Ziel, dies weiter zu vertiefen. Ausreichend ist es jedoch, um einen Grund zu fi nden, warum viele von uns den fröhlichen und lebenslustigen Menschen spielen, ohne es tatsächlich zu sein. Vielleicht ist es ein Versuch, genau diese Vorurteile zu entkräften, indem man ihnen überhaupt keinen Angriff spunkt bietet? Dies würde für einen Kampf der Anerkennung von Homosexualität sprechen. Vielleicht ist es aber auch der verzweifelte Versuch, durch diese Fröhlichkeit erst gar nicht in Verbindung mit der allgemeinen Meinung über Schwule gebracht zu werden? Dies würde dann eher eine Flucht vor der eigenen Identität darstellen und ein inneres Verweigern, sich selbst einer Minderheit zuzuordnen. So wird aus einem wahren Charakter ein tägliches Schauspiel in einer Manege. Ein Schauspiel, welches nur in den eigenen vier Wänden eine Pause fi ndet, führt langfristig zur Unterdrückung des eigenen Selbst. Das dies nicht gesund ist, beweist unter anderem eine niederländische Studie der Universität Utrecht, die herausfand, dass Homosexuelle etwa sieben mal häufi ger an Depression erkranken als Heterosexuelle. Das sind tote Faktoren, die erst lebendig werden, wenn man sie in Zahlen ausdrückt. Vier Millionen Deutsche, so schätzt das Bundesgesundheitsministerium, sind an einer Depression erkrankt. Das sind ca. 5% der Gesamtbevölkerung in der Bundesrepublik. Vernachlässigt man den homosexuellen Anteil darin, so ergibt sich eine Quote von ca. 35% aller Schwulen und Lesben, die an Depression leiden. Rund ein Drittel aller Homosexuellen haben demnach ein Problem mit ihrer Selbstachtung, hegen Schuldgefühle, haben Ängste und geraten womöglich in Hoffnungslosigkeit. Wahrscheinlich ist dertatsächliche Anteil sogar noch größer,wenn man diejenigen einbezieht, dieihrer Homosexualität erst gar nichteinstehen.Allein die Tatsache einer rhetorischenTrennung vom Lebensstil derHeterosexuellen und Homosexuellen,verstärkt diese Tendenzen. Diesprachliche Abgrenzung, die nebenbeibemerkt keinerlei empirische Belegebeinhaltet, führt auch zu einer gesellschaftlichenAbgrenzung und somitzu einem Mangel an gesellschaftlicherAkzeptanz. Genau diese Akzeptanzist es doch aber, die so nötig wäre,die eigene Selbstachtung zu pfl egen,Ängste zu verlieren, um so die Rolle des fröhlichen homosexuellenFreundes, zu einer wahren, beständigen Identität werden zu lassen. Noch scheint es so, als würde ein Großteil der schwul- lesbischen Welt geschminkt bleiben müssen, oder wie würde Neumis Rock Circus singen: „Doch im Zirkusrampenlicht wenn er zu den Leuten spricht, ist er wunderschön und bunt bemalt ist sein Gesicht“. | mkr

Clown in einem Zirkus?