War es früher nicht aufregend, sich zum Fasching zu verkleiden? Man konnte in die Rolle des großen Vorbildes schlüpfen, sich wie seine Lieblingsfigur aus Comic und Märchen anziehen oder aber für seinen Traumberuf schon mal das passende Outfit anprobieren. Man fühlte sich in der Kostümierung gleich viel wichtiger und lebte seine, sonst nur geträumte, Identität in der Realität. Unsere Ungezwungenheit und Phantasie der Kindheit haben uns damals wirklich schöne Faschingsmomente verschafft. Und heute?

Die Verkleidungswilligkeit von uns Erwachsenen steht in keinem Vergleich zu unseren Kindertagen. Vielen ist es zu albern, sich ein Kostüm anzuziehen oder in eine andere Rolle zu schlüpfen. Wenn man bedenkt, dass sich viele nicht gern verkleiden, wundert es mich doch sehr, dass wir Erwachsene es doch recht gut hinbekommen, jemanden darzustellen, der wir nicht sind. Wir schaffen es nahezu problemlos den ganzen Tag vorzugeben, dass uns nichts etwas anhaben kann, oder dass wir unseren Job unheimlich gern machen. Auch dass wir die Chefi n am Nachbarschreibtisch mögen, obwohl sie uns mit ihrer ständigen Fragerei und ihrem einfältigen Gerede den letzten Nerv raubt, fällt uns mleicht. Wir schaff en es spielerisch, unbeteiligt und desinteressiert zu wirken, wenn in der Straßenbahn neben uns jemand beleidigt oder belästigt wird. Wenn wir mit Verlusten oder Ängsten zu kämpfen haben, können wir diese perfekt vor anderen verstecken, indem wir vorgeben es würde uns gut gehen. Nicht zu vergessen, all die bühnenreifen Darbietungen der Selbstdarsteller, die uns bei jeder Party über den Weg laufen. Sie geben sich unnahbar, cool und desinteressiert, doch am Ende des Abends gehen sie traurig nach Hause, weil sie von niemandem angesprochen wurden. Sollten die ganzen Kinderfaschingsfeiern und die Verkleidungen dazu beigetragen haben, dass wir nun als Erwachsene problemlos eine Maske aufsetzen können, doch tragischer Weise den Sinn des Verkleidens vergessen haben? Während wir als Kinder versucht haben, in eine andere Rolle zu schlüpfen und die Masken und Verkleidungen aus Spaß trugen, dienen die Masken der Erwachsenen heute eher dazu, Ihr wahres Ich zu verstecken. Sei es aus Unsicherheit oder aus Angst davor, verletzt zu werden. Die Masken bringen uns keine Freude, sondern schirmen Teile von uns vor der Außenwelt ab. Nach dieser erschütternden Erkenntnis sollten wir dieses Jahr vielleicht doch einmal eine der vielen Faschingsfeiern besuchen, um uns an den wahren Sinn des Verkleidens zu erinnern. Entsprechende Angebote fi ndet ihr im Terminteil dieser Ausgabe. Denn das Verkleiden macht auch im Erwachsenenalter Spaß. Sicher hat man im Alter weniger das Bedürfnis, sich wie ein Feuerwehrmann anzuziehen oder mal das gleiche Outfi t wie Mama und Papa zu tragen – obwohl Mamas Sommerkleider ja schon irgendwie chic sind - doch man sollte sich den Spaß einfach machen. Mit den richtigen Freunden und der richtigen Party wird die Fete dann zum absoluten Höhepunkt des Partymonats. Dazu werfen wir uns alle in fabelhaft glamouröse Kostüme, legen ein imposantes Makeup auf und sind für einen Abend lang genau die Person, die wir wirklich sein wollen. Da uns niemand erkennt, müssen wir dabei auch nicht befürchten, unser Gesicht zu verlieren. Und wer weiß, vielleicht fällt am Ende des Abends ja mehr als nur die Maske von uns ab. Wem das ganze Verkleiden und Schminken immer noch suspekt ist, den kann ich beruhigen. Am 22.02.2012 ist Aschermittwoch, dann hat die Maskerade ein Ende. Dann bleiben die Kostüme im Schrank und die Leute können ihr wahres Ich wieder hinter charakterlichen Masken verstecken.

 

Euer Robert

Vom Piratenkostüm zur Maske