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Gegenpol Nr. 43 - September '99

SZENE Interview

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Wer ist Ansprechpartner bei einer Gefahrensituation in Sachsen?

In Dresden ist das die Immunschwäche-Ambulanz der Uniklinik und außerhalb der Öffnungszeiten die Rettungsstelle der Uniklinik. Wir empfehlen allerdings allen Paaren, bei denen einer der Partner HIV-positiv ist, sich bereits vor einer Notsituation bei den regionalen Aids-Hilfen zu informieren. Das spart im Ernstfall Zeit und hilft, nicht in Panik zu verfallen. Die Aids-Hilfen sind in allen größeren Städten unter 19 411 erreichbar.

In größeren Städten mag es vielleicht eine Chance geben, sofort Hilfe zu bekommen, aber wie sieht es bei uns in Sachsen in den ländlichen Regionen aus?

Ja, das ist tatsächlich problematisch, weil der Weg nach Dresden möglicherweise nicht innerhalb von zwei Stunden zurückgelegt werden kann. Hier hilft wirklich nur, vorher alles genau abzuklären und sich zu informieren, damit ich im Ernstfall weiß, wo ich hinfahren muß.

Matthias Schwager Gibt es keine Möglichkeiten, die hier oft genannten zwei Stunden zu verlängern?

Eigentlich nicht. In den ersten zwei Stunden nach der Infektion hat der Virus noch nicht an Zellen angedockt, um sich dort einzunisten und zu reproduzieren. Nur dadurch besteht die Chance, den Virus vollständig durch die Therapie aus dem Körper zu beseitigen.

Man muß also innerhalb der zwei Stunden mit der Therapie beginnen. Das kann anfänglich aber auch eine Initialdosis sein, die dazu dient, den Zeitraum für weitere Entscheidungen auf 12 Stunden auszudehnen.

Die HIV-PEP funktioniert definitiv nicht mehr nach 24 bzw. 72 Stunden, dieser variable Zeitraum wird durch die Art der Ansteckung beeinflußt. Das sind sehr vage Zeiten. Die Entscheidung liegt dabei beim Arzt und bei dem Betroffenen.

Wo kann man eine Initialdosis bekommen?

Man wird eine Initialdosis in der Regel nicht bei Hausärzten bekommen, weil die Medikamente sehr teuer und daher nicht vorrätig sind.

Die Leute müssen wirklich gleich zum Experten, zum Beispiel in die Immunschwäche-Ambulanz. Darüber sollten gerade auch HIV-positive Bescheid wissen.

Sind diese Stellen bezüglich HIV-PEP auf dem neuesten Stand?

Ja. Hier waren neben anderen auch die Aids-Hilfen engagiert, um ein entsprechendes Hilfsangebot zu entwickeln. Wir hatten z.B. mehrere Gespräche mit den Ärzten in der Uniklinik.

Die einzigen Problemzonen sind die ländlichen Gebiete, wo es eben keine Unikliniken gibt. Dort kann man nur versuchen, die Ärzte soweit aufzuklären, daß sie bei einer Anfrage die Personen gezielt weiterleiten können. Die Aids-BeraterInnen in den sächsischen Gesundheitsämtern sind ebenfalls über HIV-PEP informiert.

Kann der HIV-Positive, der sowieso in ärztlicher Behandlung ist, nicht schon eine Initialdosis vorrätig haben?

Nein. Es würde dann zu einer Selbstmedikation kommen. Das heißt, die Betroffenen würden alleine über den Einsatz der Medikamente entscheiden.

Das ist aus menschlichen Gründen nachvollziehbar, aber aus fachlicher Sicht sehr problematisch und nicht ratsam. Deshalb noch mal ein großes Achtungszeichen. HIV-PEP ist nicht die "Pille danach" für den Fall, das was schief ging. Es handelt sich bei der Therapie um eine sehr starke Chemotherapie, die bei der behandelten Person in Extremfällen sogar Allergien auslösen kann, die zum Tod führen.

Es ist also für den Saunabesuch niemals eine Alternative zum Kondom, daß muß allen klar sein. Und obwohl das einleuchtend genug ist, kommt aus Amerika schon die entgegenrichtete "bareback"-Welle. Dieses Kürzel steht für Sex ohne Kondome.

Aber es ist ganz klar, es wird in keiner Sauna - auch nicht in Amerika - eine Schublade geben, wo man im Zweifelsfall eine Initialdosis herausholt und sich damit ein paar rettende Stunden verschaffen kann, um später mit einem Arzt über den Beginn einer HIV-PEP zu sprechen.

Ein weiteres ausschließendes Kriterium für diese Überlegung ist der Kostenpunkt dieser Medikamente. Eine HIV-PEP Therapie kostet für einen Monat ungefähr 2500 – 3000 DM.

Wer trägt die Kosten, wenn der Arzt nach der Indikation einer Therapie zustimmt?

Die Krankenkassen haben bisher keine generelle Zustimmung zur Bezahlung der Therapiekosten gegeben. In Einzelfällen sind aber die Kosten, nach korrekter Indikation durch den Facharzt, von der zuständigen Krankenkasse übernommen worden.

Dein abschließender Rat?

Ich denke, daß Kondome nach wie vor die bessere Alternative beim Sex sind. Wenn man in einer Partnerschaft mit einer HIV-positiven Person lebt, sollten sich beide von einer AIDS-Beratungsstelle beraten lassen, damit beide für den Fall der Fälle vorbereitet sind.

Vielen Dank für das Interview.

MH

Letzte Änderung: 21.06.2003