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Gegenpol Ausgabe Februar 2004
Liebesleben im Stundenplan
Der Gerede e.V. Dresden bietet seit Jahren ein sehr umfangreiches Programm
aus Beratung und Aufklärung rund um das Thema Homosexualität an und das mit wachsendem Erfolg.
So gab es im Dezember 2003 einen Grund mehr, um stolz auf die geleistete Arbeit zu sein und ein
Jubiläum zu feiern. Das Schulprojekt "LiebesLeben" erreichte den zehntausendsten
Schüler, seit es 1989 ins Leben gerufen wurde. Der Verein bietet mit diesem Projekt Schulen und
Jugendeinrichtungen Veranstaltungen an, in denen mit den Jugendlichen über verschiedene Lebensweisen
und Sexualitäten gesprochen wird. Dabei sind neben Themen wie Liebe und Partnerschaft vor allem
homosexuelle Lebensweisen ein Schwerpunkt der Aufklärungsarbeit.
Am 4.12.03 rückte das ehrenamtliche Jugendprojekt-Team des Vereins wieder einmal aus, diesmal zum
Gymnasium Gruna, welches das Angebot bereits seit zehn Jahren innerhalb des Ethikunterrichtes
nutzt. Es war ein ganz normaler, grau trüber Herbsttag und ein Einsatz von vielen für die
Mitstreiter des Gerede. So ganz normal war er dann aber doch nicht, zumindest nicht für die
Schüler der 9. Klasse des Dresdner Gymnasiums, auf deren Unterrichtsplan LiebesLeben stand.
Die Jugendlichen sitzen ohne konkrete Vorstellungen im Klassenzimmer,
zwischen ihnen die Mitstreiter vom Gerede. Nach einem Klassenlehrer sucht man vergebens.
Morena Gutte (26), Sozialpädagogin des Vereins, stellt sich der Klasse vor und bietet ihnen das
Du an. "Das Du löst erste Hemmschwellen", sagte sie und berichtete, daß der
Gerede e.V. seit Wochen und Monaten ein bis zwei Mal pro Tag mit dem Projekt unterwegs ist. Ob
ein Lehrer bei diesem intimen Thema anwesend sein darf, entscheiden allein die Schüler; und
intim geht es zu, spielerisch, offen, aber alles nur so weit, wie die Jugendlichen es zulassen.
Die Ehrenamtler vom Gerede beginnen die Doppelstunde mit einem Spiel, wobei
die Schüler sich nur für Ja oder Nein entscheiden müssen. Wer sich zu Ja bekennt stellt sich
auf die eine Seite des Raumes und wer Nein sagt geht auf die andere Seite. Die Fragen zu diesem
Spiel beginnen harmlos, dennoch ist lügen erlaubt. Mittendrin dann die Frage, wer
Selbstbefriedigung betreibt. Die Jugendlichen kichern kurz, dann entscheiden sie sich und sehr
schnell wird klar, wie aufgeklärt die junge Generation mit dem Thema Sex umgeht. Rasch begreift
man auch, worum es bei diesem Spiel geht, denn es kann passieren, daß man plötzlich allein auf
einer Seite des Klassenzimmers steht und somit allein gegenüber einer ganzen Gruppe. Wer das
Coming Out hinter sich hat, der kennt diese Situation. Auch bei einem weiteren Spiel spürt man,
wie viel Jugendliche heute über Sex wissen. Alles was ihnen zum Thema Sexualität einfällt,
sollten die Teens an die Tafel schreiben und man staunt nicht schlecht, wenn die Tafel gefüllt
ist mit Begriffen wie S/M, Fisten und Analverkehr. Die Atmosphäre indes ist locker und
aufgeschlossen. Man fragt den Geredemitstreitern Löcher in den Bauch, welche offen und ehrlich
auch von ihrem Coming Out berichten. Aber es geht um mehr: um Ausgrenzung und Akzeptanz, um
Wünsche an die Normalität und Verständnis. In der Projektstunde steht die Homosexualität aber
nicht allein im Mittelpunkt, sondern die Jugendlichen selbst und deren Umgang untereinander.
Wer kennt sie nicht, die Grüppchenbildung, die kleinen Gemeinheiten und Hänseleien in der
Klasse. Ist das Ausgrenzung? Die Mädchen und Jungen an diesem Tag sagen eindeutig Nein. Es gibt
Abgrenzung, verschiedene Interessen und sicherlich Sympathien, aber wer zu sich steht, wird
nicht ausgegrenzt. Der Jugend gehört die Zukunft, sagt man und egal wie diese aussehen wird, so
scheint sie zumindest mit der jungen Generation menschlicher zu werden. Das Projekt
LiebesLeben vom Gerede e.V. ist nicht nur eine willkommene Abwechslung für Lehrer und Schüler,
noch ein Pausenfüller, sondern ein Schritt nach vorn und nachahmenswert. Vor allem unterstützt
das Projekt die freie Entfaltung jedes Einzelnen, fern jeder körperlichen und geistigen
Einengung, ohne Schuldgefühle und schlechtem Gewissen, weil man anders fühlt und empfindet.
Für die Aufklärungsarbeit, als Ergänzung des Schulunterrichts, wird der Verein von der Stadt
leider nicht belohnt, denn finanzielle Einschnitte gefährden diese und andere Projekte.
Den Schülern hat es Spaß gemacht, darüber zu reden, sind sie doch in einem
Alter, das man Pubertät nennt und da sind kompetente Gesprächspartner gefragt. "Die
Reaktionen sind durchweg positiv", beurteilt es die Lehrerin Frau Ursula Hiemann, die seit
10 Jahren auf die Zusammenarbeit mit dem Verein schwört. Auch Joachim Girndt, der Direktor des
Gymnasiums, steht hinter der Einbindung des Projektes in den Schulunterricht, macht aber auch
darauf aufmerksam, daß noch nicht alle Pädagogen bereit sind, sich diesem Thema zu öffnen.
Dabei ist Homosexualität wieder ein Thema in den hiesigen Schulbüchern geworden und auch für
dieses Thema einiger Lehrer bietet der Gerede e.V. einen Weiterbildungskurs an.
An diesem Tag wurde aber nach dem Projekt mit den Schülern gefeiert, mit selbstgebackenem
Kuchen und Blumenstrauß, auf das Akzeptanz und Toleranz zur Gewohnheit werden.
Go
Das Projekt ist ein Angebot für Jugendhäuser/-clubs & Vereine
Nähere Infos unter www.gerede-dresden.de oder
Gerede e.V. Dresden
Prießnitzstraße 18
01099 Dresden
0351/8022251
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