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Gegenpol Ausgabe Oktober 2004

Lässiger gesehen?

In eigener Sache

In der September-Ausgabe brachte Gegenpol ein Interview mit dem Landtagswahl-Kandidaten R. Lässig, was zu Diskussionen geführt hatte. Auch im Online-Forum wurde kritisiert, daß die Gegenpol-Wahlberichterstattung zu einseitig war. Dazu möchten wir hier einen offenen Brief von Kerstin Gerstenberger (Sprecherin der AG queer der PDS-Sachsen) veröffentlichen, stellvertretend auch für andere, ähnlich lautende Meinungen.

Offener Brief

Mit Erstaunen stellten die aufmerksamen Leserinnen des Gegenpol/Sergej in der Septemberausgabe fest, daß dort anläßlich der Landtagswahl am 19. September ein ausführliches Interview und ein Titel-Bild von Roland Lässig (SPD) abgedruckt sind. Außer, daß er nicht der "einzige schwule Kandidat" für den Landtag ist, gibt es weitere Kritikpunkte, die eine solch einseitige Parteinahme für ein aufgeklärtes und vielseitig informiertes Redaktionsteam fraglich erschein lassen müßten:

  • Mit welchen Aktionen ist R. Lässig für Menschen verschiedener Identitäten, sexuellen Orientierungen und Lebensweisen bisher in Erscheinung getreten? Sollten nicht Inhalte, Veranstaltungen, Aktionen, Politik entscheidend für Berichterstattung sein? Ist es wichtig, daß man schwul ist, um schwule Inhalte zu vertreten? (Wo bleiben da im übrigen Lesben, Transgender, Queers, Ich?)
  • Welche Aktivitäten gab es in den letzten Jahren Seitens der SPD im Landtag? Welche Aktivitäten gab es von anderen im Landtag vertretenen Parteien, sowohl parla- mentarisch, als auch außerparlamentarisch?
  • Warum sind auf Bundesebene Antidiskriminierungsgesetz (hier gibt es verpflichtende, längst überfällige Richtlinien der Europäischen Union) und eine weitreichende Gleichstellung der Eingetragenen Lebenspartnerschaft mit der Ehe (was vom Bundesverfassungsgericht 2002 als möglich erklärt wurde) noch immer nicht umgesetzt?

Aber auch an Roland Lässig muß die Nachfrage gestattet sein, ob es aus politischen und demokratischen Gesichtspunkten sinnvoll ist, eine ganze Titelseite mit einer Anzeige zu belegen, die nur ganz klein und schwer erkennbar als solche gekennzeichnet ist und damit automatisch den Eindruck aufkommen läßt, einziger Ansprechpartner für Lesben, Schwule, Transgender, queers... zu sein. Als politisch aktiver Mensch einer bundesweit agierenden Patei, sollte Mensch andere Möglichkeiten der Vermittlung eigener Vorstellungen und Politikansätze (und ggf. auch Bilder) haben.

An dieser Stelle sei darauf verwiesen, daß die SPD über verschiedene Beteiligungsgesellschaften Anteile zwischen 30 und 50 % an der Sächsischen Zeitung (Auflage: ca. 312.000 Ex.), der Leipziger Volkszeitung (ca. 285.000 Ex.), der Dresdner Morgenpost (ca. 71.500 Ex.), der Chemnitzer Morgenpost (ca. 31.000 Ex.), der Morgenpost am Sonntag (ca. 75.000 Ex.) hält, was eine kritische Berichterstattung in Sachsen ohnehin erschweren könnte...

Mit lieben Grüßen

Kerstin Gerstenberger

Sprecherin der AG queer bei der PDS-Sachsen

Gegenpol bezieht wie folgt Stellung:

Dem Kritikpunkt der einseitigen Berichterstattung kann man sich nicht verschließen. Gegenpol hätte sicher auch anderen Kandidaten oder Parteien Stimme sein sollen und müssen. Allerdings muß dazu auch bemerkt werden, daß kein anderer vor der Wahl den Kontakt zu unserem Medium gesucht hat, obwohl die Redaktion offen für alle demokratischen Stimmen ist. Auch für die PDS hatte Gegenpol immer ein offenes Ohr und Platz für politische Meinung und Veranstaltungen. Sicher ist hier vor der Wahl ein besonderer Moment, der von uns hätte kritischer beachtet werden müssen. Die zu einseitige Berichterstattung war ein Fehler, der in Zukunft anders gelöst werden muß und wird.

Trotzdem steht die Redaktion dazu, den Kandidaten R. Lässig im Heft vorgestellt zu haben. Er ist sicher nicht der einzige homosexuelle Kandidat dieser Wahl gewesen, aber alle lesbischen und schwulen Anwärter vorzustellen wäre auch aus Platzgründen nicht möglich gewesen; zumal sexuelle Präferenzen nicht immer bekannt sind. Als SchwuLesbisches Medium für die Region werden wir auch in Zukunft in loser Folge einzelne offen lesbisch oder schwul lebende Politiker parteiübergreifend vorstellen.

Zum Thema der Beteiligungsgesellschaften der SPD bei anderen Medien ist anzumerken, daß es keinerlei Beteiligungen der SPD am Verlag GP Media GbR, dem Herausgeber des Gegenpol, gibt.

Myrko für die Herausgeber

Letzte Änderung: 02.10.2004