|
Gegenpol Ausgabe Mai 2006 Stirbt die schwul-lesbische Szene aus?Und was hat das Internet damit zu tun?Ein Gespenst geht um in Sachsen, das Gespenst des - nein der Kommunismus ist es nicht - das Gespenst des Internets! Vielerorts hört man Klagen, daß die sicher zurecht vielgepriesenen Errungenschaften des Internets auch erhebliche Auswirkungen auf die schwullesbische Szenelandschaft haben. Hypothese: Die Leute sitzen vor dem Rechner und gehen nicht mehr aus.
Vielleicht kann man die Situation aber auch anders sehen. Ein Coming Out ist möglicherweise gar nicht mehr nötig. In Rundfunk, Fernsehen und Presse sind Schwule und Lesben weit verbreitet, somit jedermann bekannt und insgesamt besser akzeptiert als noch vor wenigen Jahren. In gewissen Kreisen ist Schwulsein hipp, in manchen sogar Pflicht. Offenbar sind Kneipen, Bars und Disko, Vereine, Zeitschriften und Bücher nur für Homosexuelle nicht mehr erforderlich, um als Lesbe oder Schwuler ein glückliches Leben zu führen. Aber man sollte auch die generelle Entwicklung betrachten. Der Tante-Emma Lebensmittelladen vor der Tür wurde von einem Parkplatz mit Lagerverkauf vor der Stadt ersetzt. Schuster, Schneider und Täschner sind inzwischen Raritäten, da die Billigware aus Fernost nicht reparabel und neu gekauft sowieso billiger ist. Haushaltswarenfachgeschäfte, Musik- und Buchläden finden ihre Kunden nicht mehr, da diese schon von zuhause aus am Rechner nach Prozenten jagen. Kneipen und Restaurants werden von Spätshops und Fast-Food-Ketten verdrängt. Bei diesen Preisunterschieden kann man sogar aufs Pfandeinlösen verzichten! Lärm, Flaschen, Müll, Verdautes, Nichtverdautes und zufriedene Konsumenten tummeln sich dadurch auf der Straße. Das ist gewollter und anderenfalls auch nicht aufzuhaltender Fortschritt. Für die schwul-lesbische Szene bedeutet dies entweder ein Anpassen auf die sich ständig ändernden Bedürfnisse der Zielgruppe oder eine konsequente Einstellung der Angebote, wenn diese nicht mehr wahrgenommen werden. Aber eines ist klar: Das Internet ist nicht dran schuld. Alten Zeiten nachzutrauern ist (in Maßen) okay, aber letztendlich kein Argument. sfx |